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Woher kommt der Einhorn-Hype?

Manuel Lorenz

Redaktionsleiter NOIZZ.de
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Wir haben einen Soziologen gefragt, wann der bunte Quatsch endlich vorbei ist.

Normalerweise beschäftigt sich Sacha Szabo mit Achterbahnen, Playmobil und Schlümpfen – immer rein wissenschaftlich, denn der 48-jährige Freiburger ist Soziologe und Unterhaltungsforscher. Diesmal musste er sich auf unsere Anfrage hin mit einem noch schrilleren Phänomen beschäftigen: dem erstaunlich widerspenstigen Einhorn-Trend.

Dr. Sacha Szabo Foto: Promo

NOIZZ: Herr Szabo, woher kommt das Einhorn eigentlich?

Sacha Szabo: Kryptozoologisch wird das Einhorn bereits von Aristoteles (384–322 v. Chr.) beschrieben. Richtig populär wird es durch den „Physiologus“, einem Buch aus der Spätantike über Wundertiere. Von dort entstammen unsere Vorstellungen, die wir mit dem Einhorn verbinden.

Da es nur von einer Jungfrau gefangen werden kann, wird diese als Maria und das Einhorn als Jesus gedeutet. Dies ist die Deutungsgrundlage vieler klassischer Bilder, die das Einhorn aufgreifen.

Aber sooo christlich sind wir heutzutage ja gar nicht mehr ...

Szabo: Stimmt. Das aktuelle Einhorn transportiert auch viel mehr Bedeutungsebenen als nur diese eine christliche – sie ist vermutlich sogar die nebensächlichste. Genauso spielen Verweise auf die Populärkultur der 80er Jahre auf den Spielfilm, die Filmmusik und auch auf Kultspielzeuge wie „My Little Pony“ eine Rolle.

Das Einhorn ist also mehr ein Referenzsystem als eine feste Zuschreibung, und genau daran scheitern auch die meisten Interpretationen.

Gab es das Einhorn mal in echt?

Szabo: Jein. Das reale Vorbild, so vermutet man, ist die Oryx-Antilope, wobei manchmal auch ein Nashorn oder gar ein Narwal als Einhorn gedeutet wird. Gerade der Zahn des Narwals wurde in der Antike und im Mittelalter als Einhornhorn gehandelt.

Diesem wurde antitoxische Wirkung zugeschrieben, weswegen man daraus gerne Trinkgefäße herstellte. Das Horn ist nämlich nicht nur namensgebend, sondern zudem magisch.

Was kann so ein (Ein-)Horn denn?

Szabo: Mit seinem Horn kämpft das Einhorn gegen Löwen oder andere Gefahren. Gleichzeitig kann es mit ihm Krankheiten heilen und Tote wiederbeleben. Das Einhorn verkörpert also trotz seiner verniedlichenden Darstellungen eine kraftvolle kämpferische Figur.

Klingt nicht besonders niedlich. Wie kam das Einhorn in die Zimmer junger Mädchen?

Szabo: Weil es eine Sagengestalt ist, wird es häufig mit der Kindheit in Verbindung gebracht und als schnöder Regress in eine kindliche Märchenwelt gedeutet.

Zur Symbolik der Jungfräulichkeit wird dann noch eine schiefe Analogie zur vermuteten Pferdepräferenz von Mädchen hinzuaddiert, und plötzlich ist es ein Mädchending geworden und soll für eine Sehnsucht nach einer klaren heteronormativen Rollenzuschreibung stehen ...

... was immer noch nicht erklärt, warum das Internet so auf Einhörner abfährt – es gibt ja sogar ein Einhorn-Emoji ...

Szabo: Na ja. Die eben vorgestellten Deutungen kommen etwas altklug und denkfaul daher. Ihnen fehlt nämlich etwas Entscheidendes: das ironische Spiel, das die Digital Natives auszeichnet, die den Trend ausgelöst haben.

Denn heute ist das ganze Wissen der Welt nicht mehr exklusiv, sondern sofort abrufbar; es wird aufgelöst und neukombiniert, und die starre Zuschreibung wird zugunsten einer dynamischen Zirkulation von tausend Bedeutungsebenen aufgegeben. Es ist ein System aus Verweisen, Zitaten und ironischen Brüchen. Es gibt nicht die eine Wahrheit sondern viele.

Und was hat das Einhorn damit zutun?

Szabo: Es symbolisiert genau das: Pluralismus und Meinungsvielfalt.

Ein Hipster-Start-up in Berlin-Kreuzberg macht vegane Kondome und nennt sich „Einhorn-Kondome“, und in England verkleiden sich Hedonisten als Einhorn und feiern ausschweifende, glamouröse Partys. Warum muss das Einhorn für Sex herhalten?

Szabo: Man muss gar nicht tiefenpsychologisch bewandert sein, um im Horn einen Phallus zu sehen. Das ist ganz offensichtlich! Im Kontext der Jungfräulichkeit hat das Einhorn ganz klar eine psychosexuelle Konnotation.

Ordnet man das Horn der phallischen Phase zu, so werden in dieser die erogenen Zonen entdeckt. Es ist die Phase der Doktorspiele. Eine Phase der unverkrampften Sexualität und des Erforschens des eigenen und fremden Körpers.

Das Einhorn hat also klar eine sexuelle Botschaft und welche das ist, zeigt sich im Regenbogen, den das Einhorn gerne auch mal kackt. Eine Handlung, die im Übrigen auch äußerst lustvoll besetzt ist.

Womit wir beim nächsten Thema sind: der Regenbogen.

Szabo: Das Einhorn ist vom Regenbogen eigentlich nicht zu trennen. Neben der Annahme, dass sich am Ende des Regenbogens ein Schatz oder ein Topf Honig befindet, steht er für eine gesellschaftliche Utopie.

Bei der Beantwortung welcher, hilft uns der Hit von Israel Kamakawiwo'ole: „Somewhere Over The Rainbow.“ Es ist eine Coverversion aus dem Musical „Der Zauberer von Oz“, und in diesem Stück geht es um einen Ort, an dem alles besser und gerechter zugeht.

Ein Sehnsuchtsort.

Szabo: Ja. Aber das ist noch nicht alles. Judy Garland, die Hauptdarstellerin des Musicals, setzte sich früh in den 60er Jahren für die Belange von Homosexuellen ein, und so tauchte bei ihrem Begräbnis zum ersten Mal die Regenbogenfahne als Respektsbezugung auf.

Ob dies nun einen der Ursprünge für die Regenbohnefahne als Zeichen der LGBT darstellt, ist zwar umstritten, spielt aber für die Botschaft des Regenbogens keine Rolle. Er ist ein Zeichen der Buntheit und der Toleranz.

Was sagt uns der Einhorn-Hype über unsere Zeit?

Szabo: Die kitschige Gestaltung der Einhörner lädt dazu ein, es als völlig banales Internet-Phänomen zu deuten und als Indiz dafür, dass sich die kommende Generation aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit heräusträumt.

Genau das ist es aber bei genauerem Hinschauen nicht. Es ist ein klares und sehr deutliches Statement für Toleranz, für Pluralismus, für Frieden und für ein Miteinander. Das ist in der gegenwärtigen Situation, wo diese Werte in Gefahr sind, schon eine klare Aussage.

Natürlich kann man einwenden, was daran politisch ist. Und natürlich kann man einwenden, dass es einem Post, der mit einem Mausklick erledigt ist, an Schwere und Ernsthaftigkeit fehlt.

Aber warum sollte eine Haltung, die häufig genug geteilt werden, nicht die Wirklichkeit beeinflussen? Und wer behauptet, dass politisch sein nicht leicht und spielerisch sein kann? Das ist eine weitere Botschaft des Einhorns: politisch sein kann Spaß machen.

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Einhorn-Smoothie, Einhorn-Duschbad und Einhorn-Pizza nehmen sich aber nicht sehr politisch aus. Warum bringen Lidl und Co. plötzlich am laufenden Band Einhorn-Produkte auf den Markt?

Szabo: Rein deskriptiv wird ein virales Phänomen an eine Ware gekoppelt. Schnell kann man einwenden und feststellen, dass diese ganzen Einhorn-Objekte nur Konsumkacke sind. Das ist auch gar nicht so völlig falsch.

Dass Kacke ein ästhetischen Potential hat, wurde bereits in den 60er Jahren von dem italienischen Künstler Piero Manzoni stilprägend aufgezeigt: Er ließ seine Kacke in Gold aufwiegen.

Dieses Wissen um den kulturellen Gehalt der Defäkation, wird infamerweise den Einhorn-Liebhabern abgesprochen – was natürlich Quatsch ist. Denn selbstverständlich gibt es auch Einhorn-Kacke in Regenbogenfarben zu kaufen, die äußerst beliebt ist.

Die Ironie zeigt sich jetzt darin, dass Konsumgüter im Bewusstsein dessen, dass sie Konsumgüter sind, die gekauft werden sollen, gekauft werden. Durch diesen paradoxen Protest transzendiert sich das in die Ware eingebundene Kapital und wird in ein politisches Statement umcodiert.

Das Einhorn kann aber nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch sein. Im Mittelalter zierte es Wandteppiche, im Barock stellten Fürsten sein Horn – beziehungsweise den Narwalzahn, den man dafür hielt – in ihren Wunderkammern aus. Auch in der Gegenwartskunst ist es zu sehen: Die Galerie König in Berlin-Kreuzberg zeigte kürzlich das lebensgroße ausgestopfte Einhorn von Aleksandar Duravcevic („Another Winter“, 2006/2007). Wie lange soll das noch weitergehen? Wann kommt die Tristitia post unicornum?

Szabo: Natürlich haben wir es gerade mit einem Hype eines Trends zu tun. Die Halbwertszeit des Einhorns kann man an den Eulen und den Schnurrbärten, die vor einigen Jahren in Mode waren, ablesen. Beide sind ja irgendwie nicht mehr wirklich cool, spielten übrigens aber auch mit diesen komplexen Bezugssystemen – ganz ähnlich wie beim Einhorn.

Ein Phänomen, das schon eine Weile im Orbit der Trends kreist, ist das Faultier, und es würde mich freuen, wenn es die gebührende mediale Würdigung erfahren würde, die es verdient. Es verkörpert ein Aufbegehren gegen die vollkommene Inanspruchnahme des Einzelnen durch eine kapitalistische Leistungsgesellschaft.

Im Übrigen verfalle ich angesichts solch widriger Zeiten, wie wir sie gerade erleben, doch allzu gerne in Misanthropie und denke, den Menschen ist nicht zu helfen. Und da versöhnt mich der zufriedene Gesichtsausdruck eines kackenden Faultiers wieder mit der Welt und zeigt mir, dass es auch wirklich wichtige Geschäfte gibt.

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