Julie: „Wir sind ganz normale Menschen – nur haben wir einfach keine Haare”

Larissa Königs

Design, Trends, Social
237 Geteilt
Teilen
Twittern
Ein Mode-Foto von Julie Fischer bei Instagram Foto: martinneuhof / Instagram julie_12.03

Julie Fischer ist Model.

Bei Instagram zeigt sie Fotos von ihren Shootings: Mal mit starkem Make-Up, mal mit Lederjacke, mal mit Herbstlaub im Hintergrund. Nur eines ist immer gleich: Ihre Glatze. Denn Julie hat keine Haare mehr. Nicht, weil sie diese abrasiert hätte oder weil sie eine Chemotherapie hatte. Sondern, weil Julie unter kreisrundem Haarausfall leidet.

In der Fachsprache: Alopecia Areata. Das ist eine ungefährliche und nicht-ansteckende Krankheit, bei der den Betroffenen ohne Vorwarnung das Haar komplett ausfällt. In Deutschland sind circa 1 – 1,5 Millionen Menschen betroffen – doch nur wenige reden darüber. Julie hält dagegen und spricht bei Instagram und bei noizz offen über ihre Krankheit:

„Ich wurde damals von meinen Ärzten informiert, dass ich Alopecia Areata habe, also kreisrunder Haarausfall, doch was das jetzt genau ist konnte mir niemand genau sagen. Das Problem ist, dass Alopecia eben sehr weit gefächert ist und es verschiedene Gründe und Ursachen geben kann.

Mein erster Gedanke, als der Haarausfall anfing, war: „Jetzt bricht meine Welt zusammen”. Ich habe mich überhaupt nicht mehr schön gefühlt. Auch durch die Medien wird uns tagtäglich suggeriert, wie die perfekte Frau auszusehen hat mit ihren lange, dichten Haaren. Und plötzlich konnte ich diesem Ideal nicht mehr entsprechen. Das hat mich ganz schön runtergezogen und ich habe sehr lange daran zu knabbern gehabt.

Ich habe mich dann im Internet etwas schlauer gemacht und bin dann auf eine Youtuberin gestoßen, Aileen, die vor ein paar Jahren so ein Video gemacht hat, in dem sie auch darüber gesprochen hat. Sie leidet seit ihrem vierten Lebensjahr unter kreisrundem Haarausfall.

Ich war dann auch ganz froh, dass ich durch das Video von Aylin gesehen habe, dass man auch ohne Haare schön sein kann. Ich fand das sehr rührend und es war dann auch ein Grund für mich, mit offenen Karten zu spielen.

Die ersten Jahre, als der Haarverlust begann, habe ich Perücke getragen – allerdings nur circa ein ¾ Jahr. Dann habe ich gemerkt, dass so eine Perücke eigentlich nur lästig ist. Ich kann es schwer beschreiben, aber ich fühlte mich wie verkleidet und hatte ständig Angst, dass man die Perücke sieht oder dass Leute darüber lästern.

Ich habe mich einfach null wohlgefühlt und war auch richtig eingeschränkt: Zum Beispiel konnte ich keinen Sport machen. Die Perücke hat mir zwar in der Anfangszeit geholfen, weil ich so tun konnte, als hätte ich noch Haare, aber sie war keine langfristige Option für mich.

Zu Hause bin ich dann schnell ohne Perücke rumgelaufen, nur in der Schule nicht. Aber auch da wussten alle Bescheid. Sobald ich die Diagnose bekommen hatte, habe ich mich vor die Klasse gestellt und erzählt, was jetzt bei mir Sache ist. Dass ich meine Haare jetzt immer mehr verliere und keiner weiß, woran es liegt. Und das war für die auch überhaupt kein Thema, ich habe da nur positive Resonanz bekommen.

Auch als ich nur noch mit Tüchern oder Mützen aus dem Haus gegangen bin, haben das alle sehr gelassen gesehen. Für meine Freunde war das nichts besonderes mehr, die kannten mich nur so.

Das erste Shooting ohne Perücke hatte ich im September 2015. Da habe ich langsam gemerkt, dass dieses Versteckspiel anstrengend wird. Vor allem mit den Perücken. Privat bin ich ja eh schon ohne Perücke rausgegangen, nur auf den sozialen Medien habe ich versucht ein Bild aufrecht zu erhalten, das es so aber schon lange nicht mehr gab.

Es klingt im Nachhinein total blöd, aber gerade bei Social Media sind alle immer so perfekt und führen ein scheinbar so perfektes Leben und ich hab versucht, das auch zu haben. Ich wollte die Leute, die mich nicht so gut kannten, in dem Glauben lassen, ich hätte noch Haare.

Sehr schnell habe ich dann aber gemerkt, dass ich das gar nicht bin. Und, dass so ein Versteckspiel sinnlos ist. So, indem ich dazu stehe, kann ich anderen auch mehr Mut machen. Das ginge nicht, wenn ich mich weiterhin unter diesen Perücken versteckt hätte.

Jedenfalls habe ich mich 2015 dann endlich reif dafür gefühlt, mich auch ohne Perücke fotografieren zu lassen. Das hat sich sehr gut angefühlt und seitdem mach ich nur noch Shootings mit Glatze. Heute stehe ich dazu. Es ist eine Besonderheit an mir und hat mir irgendwie sogar Stärke gegeben, auch für den Alltag. Einfach dazu zu stehen macht einiges wirklich leichter. Durch meine Shootings habe ich gemerkt, dass ich auch mit Glatze schön sein kann.

Gerade in Instagram habe ich da auch eine tolle Plattform entdeckt. Es gibt sehr viele Leute, die mich anschreiben und mich um Rat fragen und bitten zu erzählen, wie ich mit der Diagnose umgegangen bin. Viele erzählen mir auch ihre eigenen Geschichten. Und es sind auch tolle Kontakte dadurch entstanden und ich habe das Gefühl, dass ich anderen Mut machen konnte. Ich habe den Schritt nie bereut, dass ich meine Diagnose „Alopecia Areata” öffentlich gemacht habe.

Ich würde mir einfach von anderen Menschen wünschen, dass man offener damit umgeht. Deswegen versuche ich auch mit meinem Instagram-Profil Aufklärungsarbeit zu leisten, indem ich zum Beispiel viel darüber schreibe und versuche, anderen Mut zu machen.

Mein Ziel ist es einfach, dass man bei einer Glatze nicht gleich an eine Chemotherapie denkt. Sondern, dass man vielleicht auch auf den Gedanken kommt, dass es vielleicht nur Alopecia ist und nichts lebensbedrohliches. Wir sind ganz normale Menschen – nur haben wir einfach keine Haare.

Quelle: Noizz.de

Kommentare anzeigen

Auch spannend

Mehr