Eine verfrühte Abrechnung mit der App der Stunde.

„Was ist das für 1 App?!“, fragte mich heute Mittag meine Kollegin Johanna per WhatsApp. Und sie ist nicht die einzige, die sich diese Frage stellt. Die Social-App Vero ist gerade in aller Munde – und in jeder Instagram-Story.

Vor allem Influencer lieben die App, fordern ihre Fans auf, ihnen dort zu folgen oder posten lakonisch einen Screenshot ihres Vero-Profils.

Auch er ist bei Vero: Marc Goehring, Fashion Director des Kult- und Modemagazins 032c Foto: marcgoehring / Instagram

Und? Was ist Vero jetzt für eine App? Meine Antwort: eine, die nervt.

Es fängt mit der Registrierung an. Funktioniert erst einmal dreimal nicht, dann, wenn es endlich klappt, findest du keine Freunde, obwohl sie nachweislich da sind. Du bist jetzt schon frustriert und willst dein iPhone an die Wand werfen, reißt dich aber noch mal zusammen. Endlich klappt’s.

Du ordnest deinen Freund einer Kategorie zu (engen Freund, Freund, Bekannter) und siehst, dass er ein paar Sachen gepostet hat: drei Fotos, einen Film, den er gesehen hat, und einen Song, den er gehört hat. Toll.

Du willst auch etwas posten, aber Vero sagt dir, dass das „Senden des Posts fehlgeschlagen“ ist. Fail.

Du siehst, dass man auch chatten kann, willst deinem Freund eine Nachricht schreiben. „Hey there”. Aber Vero schickt die Nachricht nicht ab. „Beim Serverdienst ist eine Zeitüberschreitung aufgetreten. Versuche es später erneut.“ Danke, Merkel!

Noch nicht mal das klappt: Chatten mit dem Arbeitskollegen Foto: Noizz.de

Mittlerweile sind 17 Freunde von dir bei Vero und wollen sich mit dir verbinden. Die Freude darüber, alte Bekannte wiederzusehen, ist stärker als dein Frust. Du nimmst die Freundschaften an, weißt aber manchmal nicht, ob du die Person als „engen Freund“, normalen „Freund“ oder „Bekannten“ einstufen sollst. Wird Constantin nicht beleidigt sein, wenn er herauskriegt, dass er für mich nur ein „Freund“ ist, obwohl wir uns jeden Tag sehen?

Wollen wir enge Freunde sein? Oder nur Bekannte? Foto: Noizz.de

Vero nervt, indem sie den durch Facebook verrutschten Freundschaftsbegriff wieder geraderücken will. Ja, Mama, ich weiß mittlerweile, dass das keine richtigen Freunde sind, auch wenn sie dort so heißen. Manchmal sind es einfach Verwandte oder Kollegen oder Bekannte oder Ex-Freundinnen oder One Night Stands oder Keine-Ahnung-wer.

Wenn man will, kann man ja auch bei Facebook Personenkreise anlegen und so steuern, wer welches Post ausgespielt bekommt. Macht aber keiner, weil jeder will, dass alle alles sehen. Und wenn nicht, postet man das halt in die Family-Gruppe bei WhatsApp. Oder dorthin, wo die Eltern nicht sind – zum Beispiel Snapchat. Oder halt Instagram. Oder schickt jemandem eine Mail. Oder ruft’s einfach in den Raum hinein.

Vero ist eine Angeber-App, noch mehr als Insta und Facebook zusammen.

Die Hauptfunktion ist es dort, mitzuteilen, was man gerade geschaut, gehört, gelesen hat – Filme, Serien, Bücher, Songs. Und als sachkundiger Kritiker zu kommunizieren, für wie schlecht oder gut man das konsumierte Kulturgut befindet. Eine muntere Community von Laienrezensenten, die auch noch aus Freunden besteht, der man also nicht fliehen kann. Ergo: die Hölle. Und der Link hinter einem Film, Buch oder Song führt direkt in den iTunes-Store. Ergo: in eine weitere Hölle.

„Blade Runner 2049“ gesehen? Toll. Foto: Noizz.de

Egal. Ich versuche auch zu zeigen, wie schlau ich bin, und suche ein Buch, das ich gerade lese. Henry David Thoreaus Aussteigerbibel „Walden“.

Ich bin, was Bücher angeht, sehr genau. Buch ist nicht gleich Buch, Ausgabe nicht gleich Ausgabe. Wenn ich schon mit meiner Lektüre protze, dann richtig. Ich suche also die schöne, handliche, orangefarbene „Pocket Penguin“-Ausgabe – und finde sie nicht. Ich muss eine andere nehmen – was mich nervt. Diese Ausgabe bin ich nicht. Ich bin nicht die „Trade Paperback edition“ …

Die Serie, die ich posten will, finde ich zwar – den zweiten Teil von Edgar Reitz’ grandioser Filmreihe „Heimat“ –, Vero will sie aber nicht posten. „Senden des Posts fehlgeschlagen.“ Vero, du unterbindest meine Kulturhuberei. Für meine Freunde: gut. Für mich: nerv.

Klappt nicht. Foto: Noizz.de

Vero verspricht, einen von Werbung zu verschonen. Problem: Schon der erste Post eines „Freundes“ – oder ist es nur ein „Bekannter“? – ist das Plakat einer seiner Partys, das er schon bei Facebook gepostet hat. Um Werbung braucht sich Vero also nicht zu sorgen, das besorgen schon die User selbst. Kann die App natürlich nichts für, aber: Auch Vero ist nicht Nervensägen-frei.

Auch nervt, dass ich in den „Collections“ nicht nur meine Fotos, Links und Filme sehe, sondern auch die von meinen „engen Freunden“ – oder hab ich den Bereich nicht verstanden? Was soll das? Ach, keine Ahnung. Und auch keine Lust, das herauszufinden.

Natürlich wird schon bald alles smoother laufen, wird der Server nicht dauernd überlastet sein. Und wenn man sich nur lang genug mit der App beschäftigt hat, wird man sie auch verstehen. Man wird wissen, wie man was macht und wo man was findet. Aber das ist gar nicht der Punkt – beziehungsweise nicht mein Problem.

Beim Essen Facebook, Insta, Twitter, WhatsApp und Mails gecheckt – wann bleibt da noch Zeit für Vero? Foto: Noizz.de

Mein Problem ist: Ich habe schon genügend Tools und Apps, die können, was Vero gerne sein will. Ich hab keine Zeit für eine weitere App, die nicht hält, was sie verspricht – das hat zuletzt mit Ello und Peach schon nicht funktioniert.

Für mich ist Vero eine Besserwisser-App für Kulturkonsum-Protzer mit Facebook-Ennui.

Sie ist zwar schön anzusehen, aber sie nervt. So was setzt sich auf Dauer nicht durch.

Quelle: Noizz.de