CDU-Frau will „Spontan-Tattoos“ verbieten – was für ein Quatsch!

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
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Wir zerlegen ihre Forderung Schritt für Schritt.

Dass Politiker sich gerne selbst reden hören und genauso gerne Dinge vorschlagen, die in den wenigsten Fällen 100 Prozent durchdacht sind, ist ja leider nichts Neues. Den Vogel in der Kategorie „Ohne Sinn und Verstand“ hat diese Woche aber definitiv CDU-Politikerin Gitta Connemann abgeschossen.

Schon lange habe ich mich nicht mehr so geärgert wie über das von ihr vorgeschlagene Verbot von „Spontan-Tattoos“. Ihr habt richtig gehört, die gute Gitta ist nämlich der Meinung, vor allem junge Menschen müssten von der Politik von voreiligen Tattoo-Entscheidungen geschützt werden.

Gitta Connemann Foto: dpa picture alliance

Connemann fordert deshalb nicht nur verpflichtende Beratungstermine, sondern auch einen gesetzlich geregelten zeitlichen Abstand zwischen ebendieser Beratung und dem Stechen des Tattoos – mit der Hoffnung, dass die Tattoos dann eventuell gar nicht mehr zustande kommen. Aha.

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Ihre strikte Ansicht gegenüber der permanenten Körperkunst äußerte sie gegenüber dem Tagesspiegel mit klischeebehafteten Vorurteilen, die bei jedem halbwegs Tattoo-bewandernden Leser die Frage aufwirft, ob Frau Connemann vor ihrem exzellent durchdachten Vorschlag schon mal ein gutes Tattoostudio von innen gesehen oder sich ernsthaft mit einem professionellen Tätowierer unterhalten hat.

Dass sie mit ihrer Idee weiter Öl in das Feuer konservativer Tattoo-Gegner gießt, hetzt und Angst schürt und damit zur Stigmatisierung der Körperkunst beiträgt, ist schon schlimm genug. Dass sie damit aber gleichzeitig der Branche schaden und die Falschen (nämlich wirklich professionelle Tätowierer) treffen könnte, macht mich verdammt wütend.

Natürlich konnte ich es mir deshalb nicht nehmen lassen, ihre klugen Aussagen, die ungefähr den Mehrwert eines Trump-Tweets haben, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Connemann sagt: „Es darf nicht sein, dass eine Entscheidung, die lebenslang sichtbar sein wird, spontan, ohne Beratung und ungesichert erfolgen kann.“

Tattoos sind permanent. Ähm, suprise! Dass ein mit einer Nadel in die Haut gestochenes Motiv sich geringfügig von lustigen Abziehbildchen unterscheidet, ist mittlerweile wohl bei jedem angekommen. Dass eine Entscheidung die eigene (!) aktive Wahl aus zwei potenziellen Handlungsalternativen (ja) und (nein) ist, hoffentlich auch.

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Einer Person diese Entscheidungsgewalt abzuerkennen, macht sie unmündig und ist meiner Meinung nach ein direkter Eingriff in die Privatsphäre. Schließlich sind Tätowierungen nicht ohne Grund erst ab 18 erlaubt – mit ihrem Vorschlag erkennt Connemann volljährigen Personen die vom Staat legitimierte Entscheidungsgewalt ab.

Vielleicht ist ihr nächster Vorschlag, die Altersgrenze der Volljährigkeit in Deutschland wieder auf 21 hochzusetzen, Ohrlochstechen als Akt der Körperverletzung zu tabuisieren oder das Blondieren (Achtung, schädliche Bleiche!) beim Friseur zu verbieten?

Connemann sagt: „Mit Beratungsfristen, die zwischen der Beratung und dem Tätowieren liegen, könnten Spontantattoos unter Gruppendruck oder Alkohol verhindert werden.“

Beratungsfristen

Vielleicht hätte Frau Connemann mal versuchen sollen, selbst einen Tattoo-Termin in einem professionellen Studio auszumachen. Dann hätte sie vielleicht gemerkt, dass es ihre sogenannten „Beratungsfristen“ in den allermeisten Studios eh schon gibt.

Bekannte Tätowierer sind meist monatelang im Voraus ausgebucht, nicht selten ziehen die Wochen ins Land, bis aus dem ersten Ideenpitch ein Termin wird.

Ob der favorisierte Tätowierer dann auch das gewünschte Motiv annimmt, ist ja noch eine ganz andere Frage. Den eigenen Ruf durch schlechte Arbeiten oder seltsame Motive zu ruinieren, ist nämlich auch für den Künstler selbst ziemlich riskant. „Spontan-Tattoos“ gibt es nur in wenigen Ausnahmen:

Flash-Tattoos & Walk-In Days:

Einige Tätowierer bieten vorgefertigte Schablonen beliebter Motive an, die besonders gefragt sind oder die sie selbst gerne stechen würden. Diese müssen nicht extra angefertigt werden und können so dementsprechend kurzfristiger gestochen werden, als Tattoos, die extra für den Kunden gezeichnet werden.

Oft werden diese an sogenannten „Walk-in Days“ angeboten, an denen Menschen ohne Termin vorbeikommen können: Gerade bei stark ausgelasteten Studios bietet das Kunden die Chance, spontan und ohne langes Warten, teilweise auch zu Sonderpreisen tätowiert zu werden.

Terminausfälle:

Nicht selten werden Termine wieder abgesagt, weil die Kunden sich doch nicht sicher sind. Gerade bei Sessions, die mehrere Stunden anberaumt sind, können dem Tätowierer so finanzielle Verluste im drei- bis vierstelligen Bereich entstehen. Um dem entgegenzuwirken, müssen oft schon im Vorhinein Anzahlungen geleistet werden, damit der Termin von beiden Seiten fest ist (Bye Bye, Spontanität).

Springt ein Kund doch kurzfristig ab, lassen sich freie Slots in solchen Fällen natürlich nur spontan vergeben – ein Verbot würde dementsprechend eher den Tätowierern als dem potentiellen Tätowierten schaden – und Preise für Anzahlungen in Zukunft sogar noch weiter in die Höhe treiben.

Nix da spontan: Ein großflächiges Tattoo bedarf lange Planung Foto: Matheus Ferrero / unsplash.com

Alkohol & Gruppenzwang

Wer sich aus Gruppenzwang zu einem Tattoo zwingen lässt, sollte vielleicht mal über die Wahl seiner Freunde und der Stabilität der eigenen Psyche nachdenken. Mein Vorschlag, liebe Frau Connemann: Die Einführung von Coachingkursen an Schulen, die jungen Menschen helfen, gesellschaftlichem Druck, Schönheitsidealen und dem Streben nach Aufmerksamkeit und Anerkennung von außen entgegen zu setzen. Das wäre doch mal eine sinnvolle Problembehandlung.

Selbiges gilt für Alkohol: Wer im Suff auf die Idee kommt, sich einen Penis aufs Gesicht tätowieren zu lassen, hat es wahrscheinlich auch nicht anders verdient. Hier macht es mich allerdings wütend, dass die CDU-Politikerin anscheinend denkt, dass das in Tattoo-Studios Gang und Gebe ist: Die Tätowierer, die ich kenne, sind sich ihrer Verantwortung dem Kunde und dem eigenen Ruf gegenüber bewusst.

Kein professioneller Künstler wird einen alkoholisierten oder unter Drogen stehenden Kunden tätowieren (Alkohol verdünnt das Blut, was beim Tätowieren hinderlich ist. Und das Risiko, dass der Kreislauf schlapp macht oder das Studio vollgekotzt wird, ist auch nicht zu unterschätzen).

Natürlich gibt es auch Ausnahmen, etwa zwielichtige Rockerbuden, Tourischuppen am Ballermann oder Läden wie das allbekannte „Classic Tattoo“ (Kulisse aus „Berlin Tag & Nacht“), die sich auf Trash spezialisiert haben. Aber wer freiwillige 24/7-Besoffskis, Menschen ohne Stilgefühl und Gangmitglieder tätowiert, hat auch fast schon wieder Props für so viel morallosen Geschäftssinn verdient.

Connemann sagt: „Krankenkassen und Ärzte schlagen wegen zunehmender Krankheitsbilder in Zusammenhang mit Tätowierungen Alarm. Forschungsinstitute warnen vor giftigen Stoffen und möglichen Folgeschäden für den Körper.“

Leider hat die CDU-Politikerin vergessen anzugeben, auf welche Krankenkasse und Ärzte sie sich bezieht und wie die konkreten Krankheitsbilder aussehen, vor denen sie warnt. Auch Studien zu potentiellen Risiken nennt sie nicht. Bisher gibt es nämlich keine Krankheiten, die wissenschaftlich auf Tattoos zurückzuführen sind.

Fundiert ist diese Aussage also im Grunde erstmal überhaupt nicht. Es stimmt zwar, dass europaweite Regelungen zu Inhatsstoffen in Tattoo-Farben und deren Langzeit-Wirkungen fehlen. Aber auch hier ist ein Verbot des „Spontan-Tattoos“ keine Lösung des Kernproblems.

Connemann sagt: „Bisher kann jeder mit einem Starter-Kit loslegen. Es gibt keine Kontrolle.“

Der einzige Punkt, in der ich der CDU-Politikerin zustimme, ist der, dass der Branche Kontrolle fehlt. Allerdings nicht unbedingt aus Kundensicht, schließlich ist es heute schon vor dem Tattoo-Termin super einfach, sich ein Bild von der Arbeit des Künstlers zu verschaffen.

Die meisten nutzen Instagram, Facebook oder eine eigene Website als Portfolio. Wie bei allen Dienstleistungen gilt auch hier: Vergleiche einholen und sich selbständig informieren – das macht man schließlich auch, wenn man zum Arzt oder Friseur geht.

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Doch aus Tätowierer-Sicht wäre es durchaus sinnvoll, den Beruf durch Zertifikate oder Kontrollen besser zu schützen. Denn eine richtige, staatlich anerkannte Ausbildung gibt es nicht. Junge Künstler müssen entweder versuchen, das Tätowieren selbst anzueignen oder steigen – mit viel Glück – als „Azubi“ in Tattoo-Studios ein. Meistens werden sie schlecht oder gar nicht bezahlt.

Regelungen, wie eine Ausbildung abzulaufen hat und wann sie fertig ist, werden vom Studio selbst aufgestellt. Feste Vorgaben würden also nicht nur für Qualität sorgen, sondern auch den Nachwuchs helfen.

Tattoo-Artists würden von einer staatlich kontrollierten Ausbildung profitieren. Foto: Kaizen Nguy / unsplash.com

Im November will Gitta Connemann einen „Tattoogipfel“ einberufen, auf dem „Wissenschaftler, Verbände, Ministerien, Farbenhersteller und andere Fachleute“ über die schlimmen, schlimmen Gefahren des Tätowierens diskutieren sollen. Ob mit Fachleuten erfahrende Tätowierer gemeint sind, oder ob nur über anstatt mit ihnen diskutiert wird, bleibt abzuwarten.

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