Die Heuchelei in der Techno-Szene kotzt mich an

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EDM geht für Leute aus der Techno-Szene gar nicht Foto: Abigail Lynn / Unsplash

Sie behauptet, offen und tolerant zu sein, ist aber einfach nur arrogant.

Letztens hat mir ein Bekannter von einem Gespräch mit einer Kommilitonin erzählt.

Sie: Du gehst nie feiern, oder?

Er: Doch, eigentlich jedes Wochenende, wie kommst du darauf?

Sie: Naja, ich sehe dich nie.

Er: ???

Sie: Na im Hain, ich habe dich da noch nie getroffen.

...

Dieser kleine Dialog spiegelt ziemlich gut wieder, wie ich die Techno-Szene kennenlernen musste: Sie hält sich für ziemlich wichtig.

(Anmerkung: Gemeint ist das Berghain in Berlin, einer der bekanntesten Techno-Clubs weltweit und vom DJ Mag 2009 auf Platz 1 der „Top 100 clubs in the world“ gewählt.)

Nur um das klarzustellen: Ich bin in Berlin aufgewachsen und mein ganzer Bekanntenkreis hört hauptsächlich Techno. Natürlich verhalten sich nicht alle abschätzig, aber doch haben fast alle diese leichten arroganten Züge.

Das fängt schon an bei: „Boah ih, wie kannst du Pop feiern? Techno ist das Beste. Du musst nur mal mit auf ein Festival, glaub mir. Die Szene ist was ganz Besonderes!“ und hört auf bei denen, die sich ausschließlich über Techno definieren.

Für die es nichts Besseres gibt, als sich von Freitag bis Montag wegzuballern (und mit Freitag meine ich übrigens irgendwann gegen 10 Uhr morgens am Samstag, weil davor ins Berghain zu gehen, ist eh mega uncool!). Und hey – das ist auch völlig okay, können sie gerne machen. Mich stört nur die Doppelmoral in der Szene.

Es heißt: Die Techno-Szene ist offen, tolerant und kennt keine Grenzen

Egal wie abartig etwas ist – egal, das hier ist Techno, alles ist okay. Wenn jemand halbtot auf Keta neben mir auf der Tanzfläche liegt – kein Problem. Oder wenn mich der nackte Typ an der Treppe mit roten Latexstrümpfen und Dauerlatte seit Stunden beobachtet – who cares?

(Anmerkung: Ketamin ist eine Rauschdroge, die ursprünglich als Pferdebetäubungsmittel verwendet wurde und durch ihre Unberechenbarkeit oft zu Ohnmacht sowie Körper- und Atemlähmung führt.)

Aber sobald jemand keinen Techno feiert und vielleicht sogar – im allerschlimmsten Falle – EDM hört, ist dieser Mensch purer Abschaum. Da ist dann auch keine Toleranz mehr übrig. Wer einen anderen Musikgeschmack hat, wird abschätzig behandelt.

Leute, die Charts mögen, sind eh hängengeblieben und bestimmt nicht offen für Neues. Die verstehen nichts von der Welt und würden auch niemals Drogen nehmen. Und wie soll man schon ohne bewusstseinserweiternde Substanzen den Durchblick kriegen?

Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber besonders, wenn man an einer Kunst-Uni in Berlin studiert, fällt dieser Geschmackselitarismus schon sehr auf. Da kommen sie in ihren langen schwarzen Mänteln, die Berghain-Sticker noch auf ihrer Handy-Linse und bleiben unter sich. Kein Interesse an Kommilitonen.

Und wenn man auf Erstifahrt ist und alle gemeinsam am Feuer sitzen, Bier trinken und sich unterhalten, gibt es immer diese eine Fraktion, die sich lieber abkapselt und im kleinen Kreis auf dem Zimmer ein bisschen Ecstasy ballert. Auf einer Erstifahrt. Wo man neue Leute kennenlernen sollte.

Vorverurteilung und Doppelmoral

Das ist übrigens eh so ein Ding, was mir immer wieder auffällt: Viele Personen, die sich selbst als sehr links und liberal einordnen, geben vor, für alles Verständnis und Toleranz aufzubringen. Zum Beispiel, wenn sich jemand wochenlang nicht wäscht. Äußerlichkeiten soll keine Beachtung geschenkt werden. Aber wenn ein Mädchen stark geschminkt ist und eine Michael-Kors-Tasche hat (ja ok, die sind schon hässlich, aber das ist nicht der Punkt), MUSS sie oberflächlich sein. Und bestimmt dumm. Und ganz sicher lästert sie auch.

So was meine ich dann mit Doppelmoral: Im eigenen Kosmos ist die Techno-Szene SUPER tolerant – nichts ist zu krass. Aber sobald es in eine etwas entgegengesetzte Richtung geht, war’s das ganz schnell mit der Unvoreingenommenheit. Und das ist scheinheilig.

Quelle: Noizz.de

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