Eine Berlinerin malt Menschen, die sie auf Tinder gesehen hat

Gerrit-Freya Klebe

Poesie & Politik
Teilen
30
Twittern

Jetzt startet ihre Ausstellung in Berlin.

Jeden Tag benutzen Millionen von Menschen Tinder. Sie wischen nach links und rechts, viele Portraits von Suchenden ziehen flüchtig an ihnen vorbei.

Jiyeon Kim malt sie in ihrer Serie „City of Singles – Portraits of Tinder”. Auf 50 mal 50 Zentimeter großen Leinwänden zeichnet sie in Acrylfarben die fremden Gesichter. Namen und Alter wurden jedoch geändert.

Jiyeon Kim wurde 1985 im südkoreanischen Incheon geboren. 2012 kam sie nach Deutschland, um in Hildesheim Innenarchitektur zu studieren. Sie lebt und arbeitet als Künstlerin in Berlin.

Jiyeon Kim lebt seit fünf Jahren in Deutschland Foto: Jiyeon Kim / privat

Mit uns spricht sie über ihre Arbeit:

NOIZZ: Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, fremde Menschen von Tinder zu malen?

Jiyeon Kim: Ich bin eine Malerin, die sich besonders für Portraits interessiert. Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich Tinder oft benutzt, um neue Freunde und vielleicht eine Beziehung zu finden. Mir ist aufgefallen, dass ich die Fotos von Tinder so oft zur Seite gewischt habe, dass ich die anderen Nutzer irgendwann gar nicht mehr als Menschen wahrgenommen habe. Dann dachte ich: Hier gibt es so schöne Fotos von Gesichtern und Menschen: Soll ich die nicht malen? Es war nicht nur das Interesse an dem Thema, sondern auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen.

Justin, 22 Foto: www.jiyeonkim.de

Was inspiriert dich an Tinder?

Jiyeon: Bei Tinder gibt es viele interessante Punkte. Vor allem ist es die Sehnsucht, fast schon Gier, nach Liebe, die so viele User umhertreibt. Sie entscheiden selbst, welche Bilder sie hochladen, um für sich PR zu machen. Für einen Zweck, der so privat ist wie fast kein anderer. Tinder ist auf eine bestimmte Art unglaublich intim, aber gleichzeitig vollkommen anonym und öffentlich zugänglich.

Wie hast du die Menschen ausgesucht?

Jiyeon: Es gibt keine besondere Bedingung oder Voraussetzung, ich suche einfach nach meinem Gefühl aus. In anderen Projekten suche ich ja auch einfach nach Menschen, die mich faszinieren und vielschichtig sind.

Hast du sie gematcht oder wie konntest du die Bilder malen?

Jiyeon: Ich hab niemanden von den Modellen auf Tinder gematcht. Wahrscheinlich hätte ich ein paar Leute matchen und fragen können, ob ich sie malen darf, um die Gemehmigung zu bekommen. Aber ich kann nicht alle informieren. Daher finde ich es nicht fair, dass ein paar Leute wissen, dass ich sie gemalt habe und andere nicht. Vielleicht ist es gesetzlich nicht erlaubt und ich wurde oft gefragt, ob ich die Bilder malen darf. Aber das ist ja genau einer der interessanten Aspekte der Ausstellung, da sie den Widerspruch zwischen Intimität und brutaler Massenöffentlichkeit aufzeigt. Zudem interpretiere ich die Bilder und schaffe Neues. Es sind also keine Fotos. Mit der Ausstellung wollte ich an uns alle die Frage stellen, was wir dazu denken und fühlen.

Kritisierst du damit unsere Gesellschaft?

Jiyeon: Eigentlich schon. Die Müdigkeit und Schwäche der eigenen Identität ist eines der Kernmotive in meinen Bildern. Natürlich ist das auch biografisch geprägt, aber ich denke, das ist ein Thema meiner Generation. Daher werden meine Bilder recht dünn gemalt, verlaufen oder sind scheinbar unvollständig. Bei Tinder sehe ich viele jüngere Leute, die einsam erscheinen. Einerseits sind wir oft eher in virtuellen als in realen Foren aktiv und vergessen sogar bei Datingplattformen wie Tinder, dass das echte Menschen sind, mit denen wir uns austauschen und keine rein digitale Information. Daher möchte ich auch „nichtgematchte“ Nutzer in der realen Welt mit der Ausstellung zusammen bringen.

Gabby, 30 Foto: www.jiyeonkim.de

Was ist, wenn sich jemand wieder erkennt?

Jiyeon: Zunächst muss ich fragen, wie er oder sie sich gefühlt hat. Natürlich möchte ich niemanden bloßstellen, aber auch eher unangenehme Gefühle wären aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Ergebnis, weil somit Widersprüche und Spannungsfelder in unserem eigenen Handeln aufgezeigt werden. Solche möglichen Eindrücke der Ausstellung entscheiden auch, wie ich weiter male und wie es mit der Ausstellung weitergehen soll. Ich werde zunächst 50 Portraits ausstellen, am Ende werden es 100.

Hast du jemanden, den du gemalt hast, auch schon mal persönlich getroffen?

Jiyeon: Ich habe noch niemanden von ihnen getroffen, möchte das aber nachholen. Vielleicht treffe ich ja jemanden bei der Ausstellung!

Wie verändert Tinder unsere Wahrnehmung von Schönheit?

Jiyeon: Ich denke, wir behandeln andere Leute teilweise unmenschlich und können zu hektisch bei der Partnersuche werden. So reduzieren wir auch den Facettenreichtum von Schönheit. Im Gegensatz zur digitalen Welt ist die Malerei ein Genre mit einem sehr langsamen Rhythmus. Ich hoffe, dass die Betrachter nicht wie bei Tinder innerhalb einer Sekunde alle 50 Bilder gedanklich nach links oder rechts wischen, sondern sich auf die Vielschichtigkeit von Schönheit einlassen können. Der Betrachter muss sich zur Seite bewegen und nicht das Bild.

Vom 25. Februar bis 1. März sind ihre Bilder in einer Ausstellung im Ex. Berlin zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Christoph, 28 Foto: www.jiyeonkim.de
Philipp, 25 Foto: www.jiyeonkim.de
Daniel, 30 Foto: www.jiyeonkim.de
Anabel, 22 Foto: www.jiyeonkim.de
Benjamin, 34 Foto: www.jiyeonkim.de
Sergej, 28 Foto: www.jiyeonkim.de
Matthias, 32 Foto: www.jiyeonkim.de
Martin, 24 Foto: www.jiyeonkim.de

Themen

Tinder Ausstellung Kunst Berlin
Kommentare anzeigen

Auch spannend

Mehr