Der einzige Beziehungs-Tipp, den du je brauchen wirst

Isabell Prophet

Autorin in Berlin
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Er ist nicht dein beste Kumpel, sie nicht deine beste Freundin Foto: Amber Zewert / Unsplash

Ihr seid nicht beste Kumpels – sondern ein Paar.

Das kann sich aber ändern. Irgendwann. Später. Nehmt euch die Zeit.

In großen Einkaufszentren werden die wahren Schlachten der Liebe geschlagen. Händchenhaltend auf der einen Seite, tütentragend auf der anderen, spiegeln sich die Zeichen in den Augen der Kämpfenden, Verzeihung: Liebenden. Hoffnung. Langeweile. Das Facebook-Logo. Gespielte Euphorie. Und immer wieder: „Ja klar macht mir das Spaß mit dir!“

Das Einkaufszentrum ist der Ort, an dem sich eine junge Liebe entscheidet, ob sie leben oder flüchten will. Das hat etwas mit Freundschaft zu tun. Der allgemeine Trugschluss ist so simpel wie grandios: Erst kommt die Liebe. Dann die Freundschaft.

Wer es umgekehrt probiert, der stellt den Berliner Fernsehturm auf die Spitze. Kann man machen. Hält aber nicht. Das Prinzip ist analog anwendbar auf Fußballstadien, Treffen mit alten Freunden, Camping und eure Lieblingsserie. Sowas könnt ihr mit euren Freunden machen. Der Status „Liebe“ ist dafür nicht geeignet, der Status „verliebt“ sowieso nicht.

Dass hier Ansprüche und Verhältnisse vermischt werden, hat einen Grund. Die Liebe macht uns nervös. Das war schon immer so, jetzt kommt aber die soziale Komponente verstärkt hinzu. Einige Menschen sehen die Liebe skeptisch, andere sehen nur in ihr den Sinn des Lebens. Und noch größer, noch erstrebenswerter erscheint die Partnerschaft. Dieses Wort schon: Partner-Schaft. Das klingt wie Seilschaft, wie zwei Menschen, die aneinander hängen, zusammenhalten, sich gegenseitig sichern und voranbringen.

Eine Liebe verläuft in Phasen. Mal dauert die eine länger, mal geht die andere schneller. Aber ungefähr so läuft sie ab:

1. Es kribbelt.

2. Man kommt sich näher.

3. Der erste Kuss.

4. Und dann beschließt man, dass es mehr sein soll.

5. Nimmt ab.

6. …Schwebt auf Wolke 7.

7. Nimmt zu.

8. Beschwört, dass sich nie zuvor eine Liebe so eng und natürlich angefühlt hätte.

Das ist der kritische Punkt.

An dieser Stelle passiert der Fehler, der viele Romanzen unnötig früh wieder zerbrechen lässt. Ganz plötzlich soll sie der beste Kumpel sein und alle Kumpel-Hobbys teilen. Und er ist jetzt die beste beste Freundin aller Zeiten.

Das kann nicht funktionieren.

Das Phänomen entstand aus einem unterbewussten Neid heraus. Früher waren alle Beziehungen mehr oder weniger gleich: Man lernte sich kennen, traf sich zum Rendezvous und war irgendwann verheiratet. Alle anderen Paare machten es ganz genauso. Heute sind Beziehungen unterschiedlich und unser Dating-Leben läuft nicht synchron zu dem unserer Freunde.

Und wer in eine potenziell lange Beziehung einsteigt, der mag die Fragen stellen:

„Warum seid ihr so glücklich? Was ist euer Geheimnis?

Und der Freund mit der sieben Jahre alten Beziehung sagt dann:

„Sie ist nicht nur meine Freundin, sie ist auch mein bester Freund.“

Couplegoals, Level 100.

Klar gibt es Freunde, die zu Liebenden werden und dann glücklich sind bis ans Ende aller Tage. Finde ich super. Um diese Art der Beziehung geht es gerade nicht. Es geht um Menschen, die sich treffen und dann zusammenfinden. „Zusammenfinden“ geht erst einmal ganz schnell – dauert dann aber erstaunlich lange.

Nach jahrelanger Partnerschaft entsteht bei vielen dieses Team-Gefühl. Man hat zusammen die Schwiegereltern überlebt, dutzende von Menstruationszyklen, und als Ikea am Samstagvormittag in einem Feuerball des Hasses verglühte, seid ihr vor der apokalyptischen Kulisse mit einem Low-Five und zwei Bio-Teigtaschen an den bereitstehenden Scheidungsanwälten vorbei gelaufen.

Hach.

Es dauert, bis eine Liebe soweit ist. Vorher müsst ihr das Paar sein, dass bei Ikea mit Duftkerzen schmeißt. Vorher müsst ihr das Paar sein, das sich fast trennt, nur weil eine ihre Tage hat und die Welt heute mal ganz anders aussieht. Ihr müsst das Paar sein, das ein wunderbares Gang-Squad-Wochenende hatte – getrennt. Ihr müsst mal sehr viel Geld für getrennte Urlaube ausgeben und dann jeden Tag leiden.

Eine Partnerschaft, die uns wie eine Seilschaft im Leben sichert, basiert auf Erfahrungen. Man lernt einander richtig gut kennen und so entsteht Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist es, das uns stärkt und zusammenhalten lässt – auch wenn es noch Mysterien in der Beziehung gibt.

Eure alten besten Freunde waren auch nicht von Anfang an eure Partners in Crime. Es mag sich in der Rückschau so anfühlen, aber tatsächlich hattet ihr sehr viel Zeit, euch kennen zu lernen, so wie ihr wirklich wart. Freundschaften entstehen gar nicht erst, wenn einer den anderen mit seinen Erwartungen überfährt. Die gleiche Chance verdient die Liebe auch.

Sonst steht ihr nach ein paar Wochen im Einkaufszentrum und wärt sehr gerne woanders.

Quelle: Noizz.de

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