Ich habe das ekligste Bier der Welt getrunken

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In der Craft-Beer-Szene gilt es als Heiliger Gral ...

Machen wir das jetzt wirklich? Ich schaue Tim an, einen Arbeitskollegen. Er scheint motiviert zu sein. Ich bin es auch, obwohl ich es total bescheuert finde, ein Bier zu trinken, das zu 14 fucking Prozent aus Alkohol besteht.

Tim und ich sitzen in einer Bar in New York City. Es ist Montag oder Mittwoch oder Freitag, spielt keine Rolle, wir sind müde. Wollen noch ein Bier trinken, bevor wir ins Hotel fahren. Vor uns liegt die Karte, auf der ein Bier hervorsticht: das „Goose Island Bourbon County Stout”, ein Craft Beer aus Chicago, „13.7 % APV”.

Tim nickt. Ja, wir machen das wirklich. Laut dem britischen „Independent” ist Bourbon County Stout so was wie der Heilige Gral für Craft-Beer-Fans – hergestellt nach einem ungewöhnlichen Konzept: Die Braumeister füllen das Bier in Whiskey-Fässer und lassen es darin reifen.

Angeblich hat Bourbon County Stout unzählige Auszeichnungen bekommen und ist selbst in den USA schwer zu kriegen. Ich gehe zur Theke und bestelle ein „Goose Island Bourbon County Stout”. Der Barkeeper nickt. Scheint in diesem Laden ganz normal zu sein, seltene Biersorten mit unfassbar langen Namen zu trinken.

Doch was ist überhaupt dieses Craft Beer?

Was genau Craft Beer ist, weiß kein Mensch. Fest steht nur: Es muss individuell schmecken, sich vom Mainstream abgrenzen. Das ist seit Jahren ein Trend, auch in Deutschland, wo neue Biersorten es schwer haben: Bei 0,2 bis 0,5 Prozent liegt der Marktanteil der reinen Craft-Beer-Brauereien, so eine Schätzung des Deutschen Brauer-Bundes für NOIZZ. Dazu kommen etablierte Hersteller, die mit Craft Beer experimentieren.

Der Barkeeper drückt mir ein Glas mit kurzem Stiel in die Hand, darin eine Brühe, schwarz wie Kaffee. Ich stelle das Bier auf unseren Tisch. Rieche daran. Hebe das Glas und nehme den ersten Schluck. Es schmeckt widerlich. Irgendwie nach Bier, irgendwie nach Whiskey, eine Kombination, die schwer zu ertragen ist.

Tim grinst, als ich mein Gesicht verziehe. Ich schiebe das Glas zu ihm und beobachte, wie er daran nippt. Er sieht alles andere als begeistert aus. Auf der Homepage behauptet die Brauerei, das Bier habe etwas von Schokolade, Vanille und Karamell. Was man wohl genommen haben muss, um diese Aromen wahrzunehmen?

Ich zwinge mich zum nächsten Schluck. Gut, dass Tim und ich nur ein Glas bestellt haben. Eine halbe Stunde später verlassen wir die Bar. Es war hart, aber wir haben es geschafft: Bis zum letzten Schluck haben wir uns durch den Heiligen Gral der Craft-Beer-Szene gekämpft, das Bourbon County Stout. Es ist das ekelhafteste Bier der Welt.

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