Was für eine armselige Vorstellung von Männlichkeit.

Ein schmächtiger, mephistophelischer alter Herr mit Hut schreitet durch einen düsteren Wald und tönt mit autoritärer Stimme: „Am Anfang war das Feuer (...) Die Flamme, die aus Knaben Männer macht.“

Er begibt sich auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Feuers und ergeht sich dabei in Allmachtsfantasien: „Feuer erobert aller Herren Länder (...) Krönt den zum Schöpfungskönig, der die größte Feuerkraft besitzt!“

Oh, ein alter Mann mit Hut erzählt eine Geschichte! Foto: Edeka / YouTube

Keine Frage: Das Rollenbild des neuen Edeka-Spots stammt aus den 50er Jahren. Wenigstens aber aus irgendeiner Zeit, in der Männer noch richtige Männer waren!

Am Ende der Zeitreise gelangen der Alte und seine ekstatisch grölenden Flammen-Fans zum Garten einer modernen Familie. Harsch beklagt er das „Puppenfest“, auf dem es Salat, Brot, Dips und sogar gefüllte Champignons gibt, verscheucht die Familie und bringt den gezähmten Grillmeister dazu, endlich entrückt „Nur ich, mein Fleisch und die Flamme in meinem Grill“ zu wispern.

Ach, da lacht das missverstandene Männerherz! Da geht der emotionale Gürtel auf! Da wabert das stammtischgeprägte „Endlich sagt's mal einer!“ und „So isses!“ durch die Rauchschwaden.

Definieren sich Männer im Jahr 2017 wahrhaftig darüber, dass sie rohes, blutiges Fleisch (am liebsten mit den eigenen Zähnen aus dem Rind gerissen) in lodernde Flammen werfen? Spüren sie sich wirklich nur, wenn es brutzelt und zischt und ihnen das Bauchspeckfett aufs Kinn trieft?

Der Edeka-Mann, der schon.

Im Herbst vergleicht er – milde deprimiert – mutmaßlich bloß Sound und Pustekraft seines Laubbläsers mit dem Nachbarn. Im Winter saugt er hängenden Kopfes den Fußraum seines Autos. Stoisch erträgt er das Joch des Ehelebens, das würgende Korsett politischer Korrektheit, seine Ohnmacht.

Man patscht sich tröstlich grunzend über den Jägerzaun hinweg auf die breite und doch gebeugte Schulter: Halt durch, Junge! Bald kommt der Sommer, dann wird angegrillt, dann sind wir wieder wer!

Und still mag sich der Edeka-Mann fragen, während er im Keller sitzt und gedankenverloren die übrig gebliebenen Kohlen streichelt: Was sind das nur für Typen, die freiwillig und öffentlich Gemüse und Käse essen, ja, sogar bevorzugen? Die ihr Fleisch mit etwas anderem als Männerschweiß würzen?

Er weiß es: Solche, die auch bei ihren Kindern zu Hause bleiben und freiwillig den Geschirrspüler ein- und ausräumen! Müslijochens! Heulsusen! Homos! Linksgrünversiffte Dinkelpisser! Tantrabumser! VEGANER!

Der Edeka-Mann versteht so vieles nicht. Die moderne Welt überfordert ihn, er sehnt sich nach Ordnung. Durch seine Adern fließen Bier, Benzin und ein Hauch von „früher war alles besser“.

Nieder mit dem Barbecue! Hinfort mit Dips und Gemüse! Foto: Edeka / YouTube

Er hat selbstverständlich keine Gefühle – außer für Fleisch und Flammen, höchstens noch für seinen Fußballverein. Er spürt „glühendheiße Leidenschaft, roh und echt“ nur dann, wenn er für wenige Augenblicke im Jahr ein totes Tier grillen darf. Dafür lebt er. Wenn er weint, dann höchstens, weil ihm Rauch ins Auge sticht. Aber eigentlich nicht mal dann.

Natürlich ist der Spot smart gemacht: Damit polarisiert die Agentur Jung von Matt bewusst und erreicht sowohl Männer, die sich ausgegrenzt und gesellschaftlich zurückgesetzt fühlen, sowie wie den Rest, der dieses Rollenbild überholt, eindimensional und bedenklich findet und sich darüber echauffiert. Zu Recht, übrigens.

So sieht er aus, der frisch bekehrte Grillpurist! Foto: Edeka / YouTube

Auf der Edeka-Seite wird folgerichtig nach Männer- und Frauen-Grillen unterteilt. Blut hier, Blümchen da.

Dabei macht grillen doch allen Spaß: Menschen kommen zusammen, trinken was, essen lecker und verbringen eine gute Zeit miteinander. Auch Frauen werfen gern Fleisch auf den Rost, auch Männer mögen Salate. Eben jede und jeder, wie er oder sie mag – unabhängig von Geschlecht, Geschlechter-Identität oder sexueller Orientierung.

Die Steinzeit hat angerufen und will ihren fleischfressenden, keulenschwingenden, emotional unterentwickelten Ur-Menschen zurück.

Ach, Edeka-Mann. Du kannst einem leid tun.

Quelle: Noizz.de