Neuseelands Shark-Diving-Verbot: Bad News für Haie

Katharina Kunath

Tattoos, Mode & Kultur
Teilen
28
Twittern
Kein tauchen mehr mit diesem freundlichen Kerl. Foto: prochym / fotalia.com

Dum dum dum dum dumm ...

Reihe um Reihe todbringender Zähne glitzern im riesigen Maul des Räubers. Sein massiger, stromlinienförmiger Körper gleitet lautlos durchs Wasser, näher ... immer näher ... Für die einen ist es der schlimmste Albtraum, für andere steht der Nervenkitzel ganz oben auf der Bucket-List: Einmal einem weißen Hai begegnen. Oder besser noch: Einmal einen weißen Hai sehen, ohne ihm wirklich ungeschützt „gegenüberzustehen“. Der Haitourismus boomt.

In Kalifornien, Südafrika, Mexiko und Australien wird „Shark Diving" in Metallkäfigen angeboten, auf Social Media kursieren Tausende Videos, die die Erfahrung der tauchenden Adrenalinjunkies festhalten.

Auch in Neuseeland, genauer gesagt vor der drittgrößten Insel Stewart Island, wurde bis vor Kurzem das Real-Life-Jaw-Erlebnis angeboten. Doch der Touristenattraktion wurde jetzt ein jähes Ende gesetzt. Ein Berufungsgericht in Wellington hat die umstrittene Praxis nämlich unter dem neuseeländischen Wildlife Act für illegal erklärt – und damit strikt verboten.

Was ist passiert? Wurde etwa einer der Käfigtaucher attackiert? Verletzt? Vielleicht sogar getötet?

Nope, bisher ist kein einziger Vorfall bekannt. Noch nicht, sagen die erleichterten Anwohner – denn die haben in den letzten Jahren vehement dafür gekämpft, die Anbieter der Attraktion aus ihrem Meer zu verbannen.

Seit gut zehn Jahren kreuzen die Shark-Diving-Boote durch die Gewässer vor Stewart Island – und damit durch das Revier der hier lebenden Haie: Für die ist das Gebiet wegen der hohen Seebärpopulation ein gefundenes Fressen. Denn wer früher im Bio-Unterricht aufgepasst hat, weiß: Robben, Seelöwen und Seebären sind die Leibspeise des weißen Räubers. Die Leibspeise vieler Neuseeländer ist dagegen die Paua-Meeresschnecke.

Hä, was hat eine öde Meeresschnecke denn jetzt bitte mit Weißen Haien zu tun?

Ziemlich viel, denn das kleine Lebewesen kann nur unter Wasser geerntet werden. Paua-Taucher verbringen demnach viel Zeit im und auf dem Meer. Und sie fürchten zunehmend das Risiko eines Hai-Angriffes.

Der Vorwurf: Die Tiere hätten ihr Verhalten drastisch verändert, seit immer mehr Käfig-Touristen in deren Revier eindrängen. Aggressiv würden sie die Paua-Taucher und andere Fischer, Wassersportler und Bootsfahrer ins Visier nehmen.

Nicht aus Langeweile, versteht sich, sondern aus Hunger: Denn obwohl das Füttern der Tiere strengstens verboten ist, wurden die Haie oft mit Ködern an die Shark-Diving-Boote gelockt. An langen Haken werden Fischabfälle ins Wasser rund um die Käfige gelassen, damit auch wirklich einer der mächtigen Raubfische auftaucht, wie viele der Touri-Videos auf Youtube offensichtlich beweisen.

Für die Haie selbst ist die Lock-Methode übrigens nicht ungefährlich: Sie schwimmen „mit Anlauf“ an die Köder heran, wie sie es beim Robbenfang gewöhnt sind und knallen nicht selten – von der eigenen Wucht vorangetrieben – an die Käfige, verfangen sich in den Maschen und werden panisch: Haie können nämlich nicht rückwärts schwimmen. Als #sharkattack gepostete Käfigvideos zeigen also oft nur die halbe Wahrheit.

Reden wir von angezüchtetem Menschen-Hunger?

Aber zurück zum Food. Die These der besorgten Neuseeländer: Das Tier merkt sich die Gleichung Boot = Mensch = Futter und ist dementsprechend interessiert an den zweibeinigen Eindringlingen. Könnte tatsächlich Sinn machen, es gibt nur einen großen Haken – Beweise für ein verstärkt aggressives Verhalten oder aufgezeichnete Fälle von Hai-Attacken gibt es wie gesagt nicht. Das Verbot wurde scheinbar tatsächlich nur auf Grundlage der kollektiven Angst und des zunehmenden öffentlichen Drucks verabschiedet.

Ok, blöd für die Touri-Boote. Aber doch eigentlich viel entspannter so?

Jein. Klar kann man argumentieren: Ist doch alles easy, die Haie können wieder in Ruhe Seebären jagen, die Taucher beschäftigen sich mit ihren Schnecken und die Shark-Diving-Unternehmen müssen sich halt einen anderen Job suchen.

Aber für die Haie wäre das laut einer aktuellen Studie, die im Februar in der Fachzeitschrift Marine Policy veröffentlicht wurde, ziemlich kontraproduktiv.

Denn in ihr wurde das Mindset und Umweltbewusstsein von Touristen nach einer Shark-Diving-Erfahrung in Süd-Australien untersucht. Die Ergebnisse zeigten eine positive Veränderung des Verständnisses, des Bewusstseins, der Einstellungen und der Sorge gegenüber den Haien. Und genau dieses positive Verständnis ist es, was der weiße Hai gerade eigentlich am dringendsten braucht.

Denn der ist massiv vom Aussterben bedroht. In Kalifornien. In Mexiko. In Neuseeland. In Südafrika.

Trotzdem werden Haie vor der Westküste Australiens seit 2014 erschossen, wenn sie sich den Stränden nähern. In Taipeh werden ihnen die Flossen abgeschnitten und für Hunderte Euro als Potenzmittel verkauft.

Auf dem offenen Meer verenden sie als Beifang in Fischernetzen und durch die immer weiter fortschreitende Umweltverschmutzung. Der Mensch rottet den Hai aus, weil er ihn für ein gefährliches Monster, für natürliches Viagra oder eine Trophäe hält. Weil er sich lieber ansieht wie die bösen Monster in „Der weiße Hai“, „Open Water“ oder „The Shallows: Gefahr aus der Tiefe“ hübsche Hollywood-Schauspielerinnen jagt, zerfleischt und frisst, als sich mit dem verkannten Meeresbewohner zu beschäftigen.

2016 erschien in der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Artikel, der den tragischen, ungleichen Kampf Mensch vs. Hai global beleuchtet. Die wichtigsten Fakten:

2016 wurden weltweit neun Menschen von Haien getötet.

Im gleichen Jahr wurden 100 Millionen Haie von Menschen getötet, wie die Vereinten Nationen grob schätzten.

Vor der Küste Neuseelands wurden bisher keine Haiattacken gemeldet. Trotzdem wurden die Shark-Diving-Touren aus Angst verboten. Aber ein Verbot aus Angst schürt nur weitere Ängste.

Anstatt Aufklärung zu betreiben, die Köder-Taktiken der Touristen-Boote besser zu überwachen oder das Verhalten der Weißen Haie weiter zu erforschen, sucht man nach einer kurzfristigen Lösung, die nur dem Menschen hilft.

Wenn sie denn hilft: Denn die Raubfische werden weiter im neuseeländischen Wasser schwimmen, genauso wie die Paua-Taucher.

Quelle: Noizz.de

Kommentare anzeigen