Das neue Reality-Format ist nicht das, was man erwartet.

Netflix wagt sich vor ins Reality-Segment! Vor Kurzem launchte der Streamingdienst die erste Staffel von "Queer Eye". Die Make-Over- Show ist ein Reboot der Emmy-gekürten Ursprungsshow "Queer Eye for the Straight Guy", die von 2003 bis 2007 auf dem US-Sender Bravo TV lief.

Das Prinzip ist einfach: Fünf schwule Männer – die Fab Five – helfen einem Heteromann (später bekamen auch Schwule und Frauen ein Make-Over und das "For the Straight Guy" wurde gestrichen) in Sachen Mode, Körperpflege, Essen, Kultur und Design auf die Sprünge. Fünf perfekt manikürte Schwule also, die dem verwahrlosten Heteromann in seiner zugemüllten Junggesellenbude erklären, dass er sich nicht nur von Pizza ernähren darf? Klingt verdächtig nach Klischeealarm! 

Wärmt "Queer Eye" also nur platte Stereotype für die Quote auf oder kann die Serie vielleicht sogar für mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit der schwulen Community im Mainstream sorgen?

Um das herauszufinden schaue ich die Serie mit einem subjektiven Expertenteam: meinen schwulen Freunden Matthias, Kai, Felix und Dennis – meine persönlichen Fab Four. Mit dabei außerdem Daniel und Jakob, als heterosexuelles Gegengewicht. Alle sind zwischen 24 und 28 und studieren in und um Berlin irgendwas mit Medien, Sprachen und Kunst.

Wir treffen uns am Sonntagabend mit Restkater zu Kontersekt und Chips – das perfekte Mind-Set also für Reality-TV. Da Matthias der einzige ist, der die Show vor mehr als zehn Jahren auf dem damals noch existierenden schwulen deutschen Fernsehsender TIM geschaut hat, erkläre ich das Prinzip der Show. Die Erwartungen sind gemischt.

Erwartungen

Kai: "Meine Erwartungen sind nicht sehr hoch. Wenn ich schon so was höre wie 'Die Fab Five' – da könnt ich ja gleich schon wieder kotzen. Das klingt total klischeebehaftet!"

Matthias: "Also komm, wir könnten uns auch die Fab Five nennen! (lacht) Die Frage ist, wie sie diese Stereotype nutzen. Wie lösen sie das auf? Gibt es da eine Entwicklung auf mehreren Ebenen? Oder machen sich darüber lustig? Das find ich interessant, wie die Umsetzung ist. Nur weil sie das nutzen, muss es ja nicht gleich abwertend sein."

Felix: "Im Reality TV sind ja oft nur diese schrillen Schwulen zu sehen, diese bunten Vögel. Im Dschungelcamp find ich das immer total gut gemacht, dass die Charaktere dann auch mal ganz ruhig dargestellt werden und ihre Story erzählen. Ich bin gespannt, wie sie das hier machen."

Folge 1: Gegen Hässlichkeit gibt es keine Medizin

Kai ist schon mal Fan: "'Gegen Hässlichkeit gibt es keine Medizin' - das lass ich mir tätowieren!" Die Fab Five droppen einige rührselige Sätze wie "Es macht mich so stolz, hier dabei zu sein" und "Wir kommen zusammen, um uns gegenseitig besser zu verstehen!". Dann tanzen sie lässig im Vorspann durchs Bild.

"Diese Musik! So richtig kitschiger Pop!", entrüstet sich Felix, während Kai auf der Couch anfängt, im Sitzen zu tanzen. Erstes Klischee wiederlegt: Nicht alle Schwulen stehen so sehr auf überproduzierte Popbeats wie die Fab Five.

"The Original Show was fighting for tolerance. Our fight is for acceptance" verkündet Tan France, Experte für Fashion.

Im Cast mit dabei dieses mal außerdem: Bobby Berk (Interior Design), Karamo Brown (Culture), Antoni Porowski (Food and Wine) und Jonathan van Ness (Grooming). Na dann mal los!

Wie erwartet finden die Fab Five in Dallas, Texas Tom vor, einen sonnenverbrannten Redneck in seinen Fünfzigern, der in oben genannter Junggesellenbude haust und täglich literweise Mountain Dew und Whiskey aus Biergläsern in sich hineinschüttet. Diese Eigenkreation hat Tom "Redneck Marguerita" getauft.

Ansonsten trifft er sich mit seinen Freunden, die sich selbstironisch die ROMEOs nennen: Retired Old Men Eating Out. Auch die ROMEOs sind sich nicht sicher, ob er die schlechtsitzenden Trekkingshorts in mehrfacher Ausführung hat oder einfach jeden Tag dasselbe trägt. Von der Ernährungsberatung zum Stylecheck bis hin zur neuen Einrichtung und Datingtipps stellen die Fab Five sein Leben wie versprochen gründlich auf den Kopf.

Was die Fab Four über die Fab Five denken

Dennis: "Die Sendung war schon voller Stereotype, aber eigentlich hatte ich die ganze Zeit ein gutes Gefühl."

Kai: "Ich nehm' denen das ab, dass die wirklich so sind. Außerdem waren das total unterschiedliche Typen, was ich nicht erwartet hätte. Man kennt aus Filmen wie 'Mean Girls' ja oft nur diesen einen Typus, den der langhaarige Jonathan verkörpert. Der Dramatische mit den sassy Posen. Aber nicht nur das sind Schwule!"

Matthias: "Ich fand das auch von der Repräsentation her sehr gut! Die Community ist so farbenfroh und so breit. Das wurde in Ansätzen schon dargestellt. Es gab den Dramatischen, dann aber auch so heteroähnliche, straight-acting Typen. Das waren mehrere Facetten der Community, die in ihrer Vielfältigkeit dargestellt wurden, ohne sie lächerlich zu machen. Sie wurden einfach nur abgebildet. Klar war da sicher auch einiges geskripted, aber das gehört halt zum Format, sonst wär's ja langweilig."

Wie wurde der Konflikt "Schwul meets Hetero" dargestellt?

Kai: "Was mich echt berührt hat, war die Offenheit mit der der Truckerfahrer Tom auf die Jungs zugegangen ist. Das war so schön zu sehen!"

Matthias: "Die haben ihn auch total warm aufgenommen. Aber auch die anderen Rednecks! Man hätte ja auch dramatisch darstellen können, dass die Fab Five da ankommen, Tom sich ein bisschen schämt und man dann so abwertende Blicke zeigt."

Felix: "Ja, das erwartet man bei so einer Sendung! Normalerweise wird die Dramatik ja so herausgearbeitet: Der Hetero findet die Schwulen am Anfang befremdlich. Dann gewöhnt er sich aber langsam dran und es stellt sich heraus, dass er damit eigentlich doch kein Problem hat. Und Tom war ja von Anfang an super offen."

Kai: "Ich glaube, diese Intoleranz ist gar kein Thema in der Sendung."

Dennis: "Wie der Slogan am Anfang auch schon sagte: 'The original show was fighting for tolerance, our fight is for acceptance.'"

Matthias: „In den letzten 15 Jahren ist ja auch einiges passiert! Dass sie schwul sind, wird gar nicht so krass thematisiert. Man redet drüber, klärt stellenweise ein bisschen auf, wie in der Szene als Tom im Auto fragt, wer in der Beziehung der Mann und die Frau ist und sie ihm erklären, dass die Frage Quatsch ist. Da gibt es so kleine Learnings. Aber dass er Redneck aus den Südstaaten ist und sie queer, das muss gar nicht klargestellt werden.“

Felix: "Deswegen fand ich diese Message am Ende auch unnötig, als er nochmal sagt: ‚We are all the same' und so. Das hätte ich gar nicht mehr gebraucht."

Kai: "Da muss ich widersprechen! Diese Message wird leider immer noch nicht so akzeptiert. Ich finde, das muss gesagt werden. Egal in welchem Kontext."

Matthias: "Es sind halt nicht alles Berliner Hipster, die sich das anschauen."

Kai: "Eben, das darf man nicht vergessen! Wir sind ganz anders gepolt als die Leute, die man in der Show sieht. In unserer Szene und Umgebung ist das vielleicht alles selbstverständlich. Die Message 'Wir wollen alle nur geliebt werden' scheint so simpel, aber gleichzeitig ist es wichtig, das nochmal zu sagen."

Matthias: "Amen."

Würde die Sendung auch mit einem anderen Make-Over-Team als der "schwule Gang" funktionieren?

Felix: "Ich glaube, mich hätte es mehr angesprochen, wenn es ein gemischtes Team gewesen wäre. Heteros mit Homos, die ganz normal miteinander umgehen und das eigentlich keine Rolle spielt."

Matthias: "Das nimmt aber komplett den Twist raus. Ich finde das okay so."

Dennis: "Ist halt wie bei 'Das Model und der Freak', da muss man dann auch zwei Models haben, sonst funktioniert die Show nicht."

Matthias: "Es geht ja auch nicht direkt um die Tatsache, dass sie schwul sind und wie sie mit ihrem Schwulsein umgehen. Sondern sie erzählen ein bisschen von ihrer Welt, was es bedeutet schwul zu sein. Das macht den Reiz aus."

Kai: "Es gab diese Szene, wo die Fab Five Tom mehrmals gesagt haben, wie toll er ist und dass er an sich glauben soll. Ich glaube, das würden sehr wenige heterosexuelle Männer zueinander sagen. So offen sprechen Heteros selten. Ich mein das ganze neutral. Nur etwas wertend – nein Spaß. (lacht) Schwule Männer reden einfach öfter über Gefühle als Heteros. Das fand ich ausschlaggebend. Die wollten ihn ehrlich aufbauen."

Matthias: "Ich fand das auch sehr glaubwürdig."

Jakob: "Man glaubt als Mann ja auch eher einem Mann, der auf Männer steht, wenn der einen Tipp gibt. Ich fand das super unterhaltsam. Es war nett gemacht und hatte nicht diese typische Ekelästhetik eines Reality-Formats. Es wurde sich nicht über diesen Typen lustig gemacht, sondern eher gezeigt: Auch ein Redneck kann ein netter Mensch sein."

Felix: "Diese positive Stimmung könnte ja umgekehrt sogar was für die Schwulenszene bringen in puncto Bodyshaming. Das ist ja in der Schwulenszene total verbreitet."

Würdet ihr die Serie weitergucken?

Daniel: "Ich hätte sie ehrlich gesagt nach 20 Minuten ausgemacht. Mir war das zu seicht."

Jakob: "Für so 'nen Katertag ist es gut."

Kai: "Jetzt eine Folge noch mit euch: ja. Aber zu Hause würde ich das auch nicht weitergucken."

Matthias: "Nach dem Berghain vielleicht mal. Oder eben in der Gruppe."

Felix: "Ich hab mir im Vorfeld erhofft, dass es total albern und hillarious wird. Aber das wars ja auch nicht. Aber ein schöner Humor."

Matthias: "Die Frage ist: Braucht das Genre die Kontroverse, um interessant zu sein?"

Felix: "Ich bin schon der Meinung, dass das fehlt. Das funktioniert einfach nicht ohne. Wie beim Dschungelcamp, wenn da langweilige Charaktere sind, die keinen Bock haben sich zu streiten. Das ist einfach langweilig, das will keiner sehen. Wenn ich so ein Format gucke, dann muss es auch edgy sein."

Matthias: "Ist das edgy Ding daran nicht allein schon, dass sie schwul sind? Also für Leute, die halt weniger Kontakt mit der Schwulenszene haben? Wir alle finden gay people einfach nicht mehr spektakulär, weil wir das natürlich gewohnt sind."

Daniel: "Wenn das nach dem perfekten Dinner auf Vox laufen würde, wäre das schon edgy genug. Das hat für den Mainstream schon genug Skandalpotenzial."

Fazit

Queer Eye ist eine Reality-Show mit Wohlfühl-Faktor, die auch ohne die typisch voyeuristische Ekelästhetik auskommt. Die Fab Five verkörpern auf eine sehr selbstverständliche und sympathische Art verschiedene Facetten der schwulen Community.

Auch wenn Queer Eye uns als jungen, urbanen Großstadtbewohnern vielleicht ein bisschen zu seicht erscheint, ist es für ein Mainstream Publikum sicherlich ungewohnt so viele schwule Protagonisten in einer Serie zu sehen. Klar wird stellenweise mit Klischees gespielt – aber jedes Klischee hat ja auch einen wahren Kern.

Positiv überrascht hat uns definitiv, dass der scheinbare Grundkonflikt "schwule Gang trifft auf konservativen Südstaatenbewohner" nicht billig ausgeschlachtet wurde, sondern eigentlich gar nicht vorhanden war. Ohne zu sehr zu predigen, gibt Queer Eye einige wertvolle Einblicke in die queere Community und Themen wie Akzeptanz und Gleichberechtigung.

Bei Queer Eye geht es darum, eine Normalität im gegenseitigen Miteinander zu etablieren. Vielleicht war die Serie stellenweise etwas unrealistisch und zu harmonisch, aber wer zickende Queers sehen will, der sollte vielleicht besser RuPaul's Drag Race gucken.

Quelle: Noizz.de