„Trotz Heroinsucht ermöglichte meine Mutter mir eine schöne Kindheit“

Laura Aha

Musik, Serien, Popkultur
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Wächst mit einer heroinsüchtigen Mütter auf: Hauptdarsteller Adrian (Jeremy Miliker) Foto: vipmagazin / YouTube

Der Filmemacher Adrian Goiginger spricht über seine zwei neuen Filmprojekte.

Am Mittwoch startet das 47. Internationale Student Film Festival „Sehsüchte“ der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Bis zum 29. April werden dort 130 Filme aufstrebender Nachwuchs-Filmemacher*innen gezeigt. NOIZZ hat einen von ihnen zum Interview getroffen: Den Österreicher Adrian Goiginger, der in Babelsberg seine beiden letzten Filme „Die beste aller Welten“ und „Der Treue größter Akt“ zeigen wird.

NOIZZ: Adrian, du hattest nicht gerade das, was man als „normale Kindheit“ bezeichnen würde. Deine Mutter hat dich mit 17 bekommen und dich gemeinsam mit ihren heroinabhängigen Junkiefreunden in einer kleinen Salzburger Wohnung aufgezogen. Welche Geschichte wolltest du mit „Die beste aller Welten“ erzählen?

Adrian Goiginger: Genau, ich bin in Österreich mit einer heroinsüchtigen, mehr oder weniger alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Sie ist 1999 clean geworden, da war ich acht. Mit „Die beste aller Welten“ wollte ich das letzte halbe Jahr ihrer Sucht aus der Perspektive des Kindes erzählen. Das war mir wichtig, weil es meine Mutter geschafft hat, mir trotz ihrer Sucht eine ziemlich schöne Kindheit zu ermöglichen, indem sie eine abenteuerliche Welt um mich herumgebaut hat. Mir war es wichtig, dass es kein depressiver, trauriger Drogenfilm wird. Deshalb erzähl ich die Geschichte aus der Sicht des achtjährigen.

Also hast du diese Zeit auch selbst nicht als depressiv oder traurig erlebt?

Adrian: Nein, überhaupt nicht! Der Film ist zu 90 Prozent komplett akkurat. Ich zeige das Milieu natürlich auch mit allen Nachteilen, weil es da auch einige Gefahren gab. Aber es war eben genau so wie im Film, es war keine Horrorkindheit oder so. Klar gab es Ups and Downs, aber ich glaube, das gibt’s in jeder Kindheit.

Ist der Film als dokumentarisch oder hat er auch fiktive Elemente?

Adrian: Vom Making her ist er überhaupt nicht dokumentarisch. Es gibt ein Drehbuch, Schauspieler, eine Auflösung. Aber das Thema ist real. Die Arbeit mit dem Drehbuch ähnelt schon einem Dokumentarfilm. Wir haben mit Junkies geredet, mit Ärzten, mit Leuten vom Jugendamt. Wir haben dokumentarisch recherchiert und dann einen Spielfilm daraus gemacht.

Was war die größte Herausforderung dabei?

Adrian: Die Arbeit mit dem Kind. Die Hauptrolle spielt ja ein Siebenjähriger (Jeremy Miliker). Der ist praktisch in jeder Szene zu sehen und macht immer richtig schwierige Sachen. Das war von vornherein die größte Herausforderung, dass man das gut hinkriegt. In den meisten Filmen, gerade aus Deutschland, kommen Kinderschauspieler ja immer scheiße rüber, muss ich echt mal sagen.

Warum?

Adrian: Na, ich glaub denen das meistens nicht. Man merkt, dass das Kind gezwungen wird das zu sagen oder das zu machen. Das hat keine Natürlichkeit. Mir war eine absolute Authentizität wichtig.

Wie kriegt man das hin?

Adrian: Ein halbes Jahr proben, dreimal in der Woche. Wir haben nicht im Studio gedreht, sondern immer „on location“. Wir haben versucht die Illusion so groß wie möglich zu halten, damit der Junge vergisst, dass er am Filmset ist. Damit hat man ihn als eine Art Improvisation zu authentischen Reaktion gezwungen. Wichtig war mir auch, dass es sein erster Film war. Ich wollte ein Kind haben, dass noch nie vor der Kamera gestanden hat. Das sind ja die schlimmsten Kinder, die schon ein bisschen Erfahrung haben und denken, sie wissen wie’s geht. Denen kannst du nichts mehr sagen.

Und der restliche Cast?

Adrian: Die waren vor dem Film relativ unbekannt. Als der Film rauskam, bin ich tatsächlich öfter gefragt worden, ob wir eigentlich echte Drogenabhängige vom Bahnhof dafür gecastet haben oder ob das wirklich Schauspieler sind. Das ist zum einen ein großes Kompliment an die Schauspieler, zum andern geht das auch nur, wenn die Schauspieler noch weitestgehend unbekannt sind.

Deine Mutter hat die Premiere nicht mehr erlebt, sie ist 2012 an Krebs gestorben. Denkst du, der Film hätte ihr gefallen?

Adrian: Ihr Tod war eigentlich der Auslöser für den Film. Ihr hätte der Film sicher gefallen und sie wäre stolz gewesen. Aber sie war sehr, sehr schüchtern. Deshalb glaub ich, der Hype, den der Film um ihre Person in Österreich ausgelöst hat, der wäre ihr glaube ich total peinlich gewesen.

Der zweite Film der auf dem Festival „Sehsüchte“ läuft ist "Der treue größter Akt". Worum geht es dabei?

Adrian: Die Idee bei dem Film war, einen Teil der Nibelungensage in die Gegenwart zu transportieren. Wir haben uns entschieden, die Geschichte aus der Sicht von Hagen zu erzählen, dem Bösewicht. Den haben wir zum Helden gemacht und Sigfried zum Bösewicht. Dann haben wir die Geschichte über Machtverhältnisse ins 21. Jahrhundert übersetzt. Statt einer einflusseichen Familie mit Burg, ist es ein mächtiger Waffenkonzern aus der Rüstungsindustrie. Aber die Intrigen, die Feindschaft und die Loyalität, das ist dasselbe wie in der Vorlage von vor 1000 Jahren. Daher haben wir auch die alte Sprache beibehalten, sie sprechen eine Art Althochdeutsch, das war der Kunstgriff. Ansonsten ist das ein Genrefilm, die Action war ganz wichtig, ist schon a bisserl a „Haudrauf-Geschicht“.

Erstaunlich, dass die Geschichte so universell ist, dass sie auch heute noch funktioniert, oder?

Adrian: Klar, es geht um Neid, Liebe, Macht, das steckt in uns Menschen drin. Unser Glück war, dass zur Zeit der Entstehung gerade die US-Wahl war. So kamen wir drauf, dass Sigfried eine Art junger Donald Trump ist. Da gibt es viele Parallelen. Menschen haben sich im Kern seit tausenden von Jahren nicht verändert eigentlich.

Quelle: Noizz.de

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