„Im Ring bin ich eine superböse Bitch!“ Interview mit der Profi-Wrestlerin Taya Valkyrie

Lucas Negroni

Reporter in Los Angeles
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Seit Dezember läuft die Wrestling-Show „Lucha Underground“ auch in Deutschland (auf TNT).

Mit dabei ist Taya Valkyrie, mit der wir in Los Angeles über ihre Ballett-Kindheit und irre mexikanische Fans gesprochen haben.

NOIZZ: Du trittst als Nicht-Mexikanerin in einer mexikanischen Show in den USA auf. Hat sich etwas für dich geändert, nachdem Trump Präsident wurde? Wirst du mit negativen Gefühlen konfrontiert?

Taya Valkyrie: Ich äußere mich zu Trump eigentlich nicht, weil ich nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf Dinge lenken will, die ich sowieso schlecht finde. Aber seitdem reagieren Mexikaner manchmal sofort mit Beleidigungen auf uns – das ist eine sehr eigenartige Dynamik, aber sie macht unseren Job einfacher, weil sie uns jetzt noch mehr hassen.

Ist es dein Ziel, mit deinem Charakter gehasst zu werden?

Taya: Ja, ich spiele eine superböse Bitch und eine starke Frau. Ich befinde mich normalerweise in einer Gruppe von Typen, und mein Ziel ist es, Gefühle zu erzeugen. Es ist ein Spiel der Gefühle, ich versuche, diese böse Königin zu verkörpern.

Die Leute sollen wütend auf mich sein und mich hassen. Es ist ein ständiges Psychospiel mit den Fans. Wenn sie mich oder meine Gruppe nicht leiden können, bedeutet das für uns nur, dass wir gute Arbeit leisten.

Wie fühlt es sich an, gehasst zu werden, aber zu wissen, dass du alles richtig machst?

Taya: Das ist ziemlich merkwürdig, weil du eine ziemlich dicke Haut haben musst, um im Rampenlicht zu stehen. Aber sehr oft treiben es die Leute ein Stück zu weit. In Mexiko beispielsweise nehmen die Leute es derart ernst, dass sie glauben, es sei echt. Sie denken, ich gehe morgens in Glitzerboots und Pelzjacke aus dem Haus und Johnny Mundo geht in seinem Kostüm in den Supermarkt.

Es ist schwierig, weil wir ständig damit konfrontiert werden. Leute sehen dich auf der Straße und konfrontieren dich mit Hass. Andere Fans wiederum sagen: „Hey, du bist mein Lieblingsbösewicht!“ Jeder findet den Jokert in „Batman“-Filmen toll, und alle fanden, dass Heath Ledger so ein toller Bösewicht war. Das versuchen wir auch zu erreichen. Wir wollen, dass die Leute uns lieben und hassen.

Bist du als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft wie der mexikanischen so was wie ein Vorbild für Frauen?

Taya: Ich hatte es wirklich schwer in Mexiko, weil es eine sehr männerdominierte Machokultur ist. Frauen werden dort nicht als gleichwertig betrachtet. Ich musste mir den Respekt und die Achtung hart erkämpfen. Vor allem, weil ich keine Mexikanerin bin.

Ich kam aus einem anderen Land, konnte die Sprache nicht, und ich hatte an einige Dinge eine andere Herangehensweise. Ich bin zum Beispiel direkter, und ich glaube, dass ich mich im Vergleich zu anderen Frauen mehr verteidige. Das ist einfach eine andere Kultur.

Es war wirklich schwierig für mich, aber ich denke, ich bin ein gutes Beispiel. Oft höre ich von Mädchen: „Ich möchte sein wie du. Du kuschst nicht vor den Männern und machst, was du willst und woran du glaubst.“ Das ist mir sehr wichtig.

Leute zu verprügeln, ist nicht gerade vorbildlich ...

Taya: Mit dem, was wir tun, erzeugen wir Reaktionen. Ich durfte als Kind kein Wrestling schauen. Ich habe es erst auf der High School für mich entdeckt. Ich sah WWE-Kämpfer wie Trish Stratus und dachte, dass ich genau so sein wollte.

Ich denke, in Mexiko ist es etwas anders: Dort ist Wrestling so kulturell verwurzelt und solch ein Familien-Happening, dass schon Kleinkinder zuschauen. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie wir Kinder beeinflussen.

Denkst du, dass Wrestling nur in bestimmten kulturellen Zusammenhängen funktioniert?

Taya: Nein, und „Lucha Underground“ ist für mich der Beweis, dass es über Kultur, Rasse und Geschlecht hinausgeht, weil unsere Geschichte ihren Ursprung in der mexikanischen Kultur und in Azteken-Geschichten hat. Innerhalb dieser Welt gibt es all diese verschiedenen Charaktere: Sexy Star, einen bösen Puertorikaner und die Kanadierin Taya.

Jeder ist völlig verschieden, und wir kommen aus demselben Grund zusammen. Das zeigt, dass es alle Kulturen erreichen kann, es muss nicht nur die mexikanische sein.

Gab es einen Punkt in deinem Leben, an dem du dachtest: „Das ist es, ich will Wrestlerin sein!“?

Taya: Ich wurde von früher Kindheit an in klassischem Ballett geschult. Ich hab in Musicals gespielt. Von Kindesbeinen an war ich eine Performerin. Ich wurde früher viel dafür gehänselt, dass ich klein war (lacht) und ich erinnere mich, wie ich damals diese Frauen im Fernsehen sah und dachte: „Ich werde nie so sein, so schön und stark.“ Aber ich hatte dieses Feuer in mir.

Mit 22, als ich an der Uni war, beschloss ich, Wrestlerin zu werden. Ich dachte mir: „Wie zur Hölle komme ich zum Wrestlen?“ Es ist nicht wie in Mexiko, wo es in jedem Fitness-Studio einen Wrestling-Ring gibt und jeder eine Verbindung zu dem Sport zu haben scheint. In Kanada ist das ein bisschen schwieriger, also habe ich angefangen, an Fitness-Wettbewerben teilzunehmen und als Fitnessmodel zu arbeiten, denn ich hatte herausgefunden, dass viele Diven aus den 90ern als Fitnessmodels begonnen hatten.

Es war ein langsamer Prozess, aber ich hab es geschafft, und ich bin sehr froh, denn ich habe so viel über andere Kulturen gelernt, ich habe die Welt gesehen und viel über mich selbst erfahren. Ich durfte von vielen Leuten lernen.

Was war anfangs so schwer für dich?

Taya: Ich musste viele Hürden überwinden, gerade in Mexiko. Viele Leute sagten, dass ich nie der Champion werden würde, weil ich ein weißes Girl bin und nicht aus Mexiko stamme. Oft musste ich mir anhören: „Oh, du bist keine Mexikanerin, deshalb hast du auch keine Ahnung, wie man wrestlet.“ Ich musste ständig für das kämpfen, was ich wollte und habe in dieser Zeit viele gute, aber auch einige schreckliche Menschen kennengelernt.

Ich habe sehr dafür gekämpft, um bei „Lucha Underground“ zu sein. Ich kannte die Sendung, noch bevor sie groß bekannt geworden war, und dennoch musste ich beweisen, dass ich dazugehöre. Zu Anfang wollten viele, dass es eine betont lateinamerikanische Show ist. Aber ich habe ihnen gezeigt, dass es auch ein kanadisches Girl schaffen kann.

Ich bin so froh, dass ich dafür stehe, dass man so viele Hürden überwinden kann, dass du erreichen kannst, was du willst, und dass deine Träume in Erfüllung gehen können.

Ich weiß, das klingt so abgegriffen, aber es stimmt – mir wurde nichts geschenkt, das ist alles harte Arbeit, und ich musste viele Opfer erbringen. Ich bin sehr glücklich, Teil dieses Projekts zu sein, weil es für so viel mehr steht, als einen Ring und Wrestlen. „Lucha Underground“ ist ein Phänomen geworden, und ich glaube, wir verändern, wie Leute den Wrestling-Sport wahrnehmen.

Mexiko hat mein Leben verändert, die Show wirft ein Licht auf die Schönheit dieses Landes, wie bemerkenswert die Kultur ist, und sie überkommt so viele Barrieren.

Was ist das Geheimnis deines Erfolges, wenn es darum geht, Hindernisse zu überwinden?

Taya: Ich glaube, ich bin ziemlich stur (lacht). Ich weiß genau, was ich will, und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann klappt es meistens auch, weil ich nicht aufgebe.

Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich Unterstützer wie die Roldán-Familie hatte, denen AAA-Wrestling gehört. Sie haben an mich geglaubt, genauso Conan und „Lucha Underground“ und Hijo del Perro Aguayo, der mir eine Chance gab. Denn das ist alles, was du brauchst: Leute, die dir helfen. Du brauchst Leute, die auf deiner Seite stehen und dich beschützen, die hatte ich. Diese Leute sind der Grund für meinen Erfolg. Sie haben etwas in mir gesehen, selbst wenn ich am Boden war und nur noch nach Hause wollte.

Wann war das?

Taya: Ich habe mich damals sehr einsam gefühlt, und ich glaube, zum Großteil lag das an der Sprachbarriere. Die ersten anderthalb Jahre waren vermutlich die schwierigsten. Ich spreche Französisch, weil meine Familie aus der Schweiz stammt, das hat mir viel mit dem Spanischen geholfen. Ich habe es also ziemlich schnell gelernt und habe damit einige Leute beeindruckt.

Es ging damals einfach ums Überleben. Ich bin sehr offen und sozial – stell dir vor, wie es ist, allein in einem Land zu leben, wo du niemanden außer den Leuten kennst, mit denen du trainierst. Und diese Leute wollen sowieso nicht, dass du erfolgreich bist, weil du ihr Konkurrent bist. Das ist eine mentale Herausforderung.

Wie hoch ist der Konkurrenzdruck bei „Lucha Underground“ jetzt?

Taya: Merkwürdigerweise spüre ich davon gar nichts: Wir sind ein Team. Jeder ist dort aus demselben Grund: das Schreiber-, das Produktionsteam, die Eigentümer. Wir alle arbeiten gemeinsam für das, was ihr mittwochs im Fernsehen seht.

Wir sind auch alle sehr verschieden, wenn du dir die Kämpfer anschaust: Jeder sieht anders aus, jeder trägt ein anderes Outfit und redet auch anders. Ich denke, bei vielen anderen Wrestling-Shows gibt es viel vom Gleichen. Bei uns ist es wie in einer Familie, und wir arbeiten extrem gut miteinander.

Ich bin sehr glücklich, dass es bei uns keinen Intrigen-Bullshit gibt, unsere Umkleide ist der Knaller (lacht).

Wie viel von deiner Persönlichkeit steckt in Taya?

Taya: Ich bin immer Taya gewesen. Der Name begleitet mich, seitdem ich mit dem Wrestlen angefangen habe. Ich weiß nicht, warum. Sie hat sich ganz langsam zu dem entwickelt, was sie heute ist. Ich habe sie selbst entworfen, das waren alles meine Ideen.

Man könnte sagen, dass Taya meine böse Seite ist. Sie steht für den Teil, den ich versteckt halte. Aber sobald ich das Kostüm trage und die Musik spielt, tritt sie aus mir heraus. Im normalen Leben habe ich nichts von ihr, ich würde nicht einmal mit ihr abhängen (lacht). Sie ist ein schlechter Mensch, aber das ist ihre Rolle. Sie weiß genau, was sie will und manipuliert Leute, um an ihr Ziel zu kommen.

Ich bin komplett anders. Aber ich habe sechs Jahre meines Lebens investiert, um sie zu erschaffen ... Taya hat eine Menge getan und erlebt, und jetzt sorgt sie für Unheil in „Lucha Underground“.

Wie viel Spontaneität gibt es während der Auftritte? Ich nehme an, alles ist gescriptet?

Taya: Während der Auftritte kann so viel schief gehen ... Du kannst dich verletzen, oder du wirfst jemanden auf einen Tisch, und der zerbricht nicht, wie geplant. Deshalb ist es so wichtig, deine Rolle zu verinnerlichen. Wie würde Taya in diesen Situationen reagieren? Du musst einfach natürlich sein und mit der Erfahrung dazulernen. Das geht nicht in der Theorie. Das lernst du während unzähliger Live-Performances.

Ich trete seit fast fünf Jahren live auf – in Mexiko, Kanada und den USA. Mit der Zeit wirst du einfach gut.

Was war dein übelster Unfall im Ring?

Taya: Bei Triple Mania vor zweieinhalb Jahren hat mir meine Gegnerin ins Gesicht getreten und mir die Nase gebrochen. Das war die größte Show des Jahres, in einer Arena mit über 20.000 Zuschauern. Championship-Runde. Ich musste weiterkämpfen.

Als ich das Video später sah, konnte ich sehen, wie benebelt ich war. Ich lief einfach im Ring herum wie in Slow Motion. Dann sieht man den Moment, in dem ich mich wieder fange und alles wieder schneller läuft. Das sind eben die Dinge, die passieren, und du weißt nie, wann.

Wie bereitest du dich auf deine Rolle vor?

Taya: Über so was denke ich nie nach! Du bringst mich in Verlegenheit! (lacht) Taya ist wie ein kleiner Schalter in meinem Kopf. Ich glaube nicht, dass ich mich dafür vorbereite.

Natürlich gibt es vor unseren Shows Proben. Das ist dasselbe wie für die Schauspieler am Broadway oder im Cirque du Soleil. Ich habe die Bewegungen einstudiert, und ich weiß, wo die Kameras sein werden. Es gibt all diese Vorbereitungen, aber sobald ich das Kostüm anziehe, ist es, als würde ich einen magischen Umhang anziehen. Wie in einem Märchen. Sobald du den Umhang überziehst, verwandelst du dich in die Person.

Bevor ich in den Ring steige, bin ich sehr konzentriert. Ich gehe schnellen Schrittes vor mich hin, und oft fragen mich Leute, ob ich nervös sei. Aber das ist nun mal meine Art, mich auf den Auftritt vorzubereiten. Andere Leute beten.

Wenn die Musik einsetzt, werde ich super nervös, mir wird beinahe schlecht. Aber sobald ich durch den Vorhang gehe, das ist diese körperliche Grenze, bin ich wie verändert. Irgendwie eigenartig ... (lacht)

Fällt es dir manchmal schwer, den Taya-Schalter wieder umzulegen?

Taya: Allgemein nicht. Aber es gibt Situationen, wenn ich in Mexiko bin, wo das Wrestling sehr ernst genommen wird und viele Leute glauben, dass es echt ist. Ich hatte eine Menge Probleme damit, höflich zu bleiben, während mich Leute angeschrien haben, als wäre ich wirklich Taya.

Es ist kompliziert, und gerade in den sozialen Medien ist es richtig übel. Die Leute dort glauben, dass sie dort alles sagen können, was sie wollen – ich habe schon Todesdrohungen erhalten!

eulich hatte ich eine Episode gemeinsam mit Pentagon Junior. In der Folge wende ich mich von ihm ab und helfe Johnny dabei, den Gürtel zu gewinnen. Das war toll für mich, weil es Dinge für mich vereinfachte und meine Fans die Verbindung zu Johnny besser verstehen können. Aber die Fans waren überhaupt nicht glücklich darüber, dass ich mich von Pentagon Junior abgewandt hatte, und dann bekam ich Drohungen. Am Tag darauf bin ich in die USA gereist, und Pentagon, der ein Freund von mir ist, sagte: „Gottseidank bist du abgereist, ich habe Nachrichten von Leuten erhalten, die wissen wollten, wo du wohnst.“

Es gibt Momente, in denen ich den Schalter zu Taya wieder umlege, wenn mich Leute bedrohen, und ich sage: „Yo, jetzt beruhig dich mal.“ Aber ich werde nicht komplett zu Taya, ich werde eher defensiv.

Fans sollten verstehen, wo die Grenzen sind. Kein Girl mag es, wenn irgendjemand Scheiße über es im Internet verzapft, und niemand wird ständig alle zufrieden stellen können. Und weil ich nun mal einen Bösewicht darstelle, bekomme ich eben mehr davon ab. Das liegt nun mal in der Natur der Sache. Das kann sehr schwierig sein.

Ich finds witzig, weil niemand dem Bösewicht im Film nachstellt, wenn er dem Helden wehgetan hat. Niemand verfolgt einen Schauspieler, wenn er das Set verlässt. Aber in unserer Welt tun sie das manchmal, weil es sie emotional so sehr berührt. Es ist unglaublich, dass wir Leute derart erreichen können, dass wir solche Reaktionen erzeugen. Manchmal ist es aber auch ein bisschen gruselig.

Haben dir Leute nach Auftritten nachgestellt?

Taya: Ja. Und sie schreien dich im Ring an. Ich wurde mit Limo oder Bier bespritzt und mit allem möglichen Zeug beworfen und bin komplett besudelt wieder aus dem Ring gestiegen. In Mexiko schmeißen sie jeden erdenklichen Scheiß nach dir. Sie sagen, dass wir nicht darauf reagieren sollen, weil das noch mehr animiert. Ich habe mit Limo im Gesicht einfach weitergespielt. Es ist eine seltsame Welt, in der ich lebe.

Was hast du vor deiner Karriere als professionelle Wrestlerin gemacht?

Taya: Ich ging zur Uni, war für Ballett und Kinesiologie eingeschrieben. Ich hatte immer irgendwas mit Sport oder Kunst zu tun. Das sind einfach meine Berufungen. Meine Mutter lacht manchmal darüber und sagt: „Wir haben so viel Geld für Ballettunterricht ausgegeben, und dann wirst du Wrestlerin.“ Aber mittlerweile begreifen sie und meine Familie, dass das eine Kunstform ist.

Wir erschaffen Kunst mit Bewegung, und jedes Match ist anders. Du kannst die Bewegungen wiederholen, trotzdem gleicht kein Kampf dem anderen. Es ist, als würde jedesmal jemand vor dir ein Gemälde erschaffen.

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