Wie verbreitet ist Hustensaft als Droge in Deutschland?

Alina Leimbach

Pop & Politik
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Money Boy und Haiyti rappen zwar darüber, aber werden sie davon auch high?

Nicht nur lila Scheine werden derzeit überall besungen, auch Purple Lean tropft aus vielen Hip-Hop-Lines. Doch wie verbreitet ist der Shizzle in Deutschland wirklich? Und kann man hierzulande überhaupt „High von dem Lean“ werden?

In der Schweiz: ja

Bei unseren eidgenössischen Nachbarn erfreut sich Lean derzeit trotz allen Nebenwirkungen großer Beliebtheit: Dort kriegt man den Codein-haltingen Hustensaft noch ohne Rezept. Nur nicht in Apotheken, die das Zeug freiwillig verbannt haben, weil sich die Zahlen von Schulkids häufen, die Hustensaft „für ihre Oma“ kaufen wollten.

Und in Deutschland?

Offizielle Zahlen zur „alternativen Hustensaftverwendung“ gibt es hierzulande noch nicht. Das bestätigt die Landesärztekammer Sachsen auf NOIZZ-Anfrage. Da es ein legales Medikament ist, ist schwer zu sagen, wie viel Hustensaft für welche Zwecke eingenommen wird.

Ohne Onkel Doc kein Codein

In Deutschland ist es – egal was die Rapper einem glauben machen wollen – nicht so einfach, an das Zeug heranzukommen. Denn den richtigen lila Sirup, den Codein-haltigen Hustensaft, gibt es hierzulande nur auf Rezept. Und Ärzte rücken das Mittel heute nur noch selten raus.

Dextromethorphan (DXM), der zweite high-machende Wirkstoff, wird zwar rezeptfrei verkauft. Allerdings weiß ich auch nicht genau, wie der bis vor Kurzem noch minderjährige Rapper Hustensaft Jüngling da rangekommen sein soll. Das Bundesgesundheitsministerium hat 2011 die Apotheker darum gebeten, davon nichts an Jugendliche abzugeben.

Klar, auch Wick MediNait enthält DXM. Allerdings in so geringer Konzentration, dass man eine ganze Flasche davon trinken muss, um was zu merken. Wer das tut, wird nicht nur von der Internetgemeine ausgelacht, sondern kriegt unter anderem durch die beigesetzten Schmerzmittel ziemlich miese Nebenwirkungen.

Woher kommt der Hustensaft-Hype?

Was Drogen angeht, sind die Deutsche natürlich wieder nicht so erfinderisch – außer beim Alkohol. Abgekupfert hat man Sachen Lean in den USA. Schon in den 90ern rappte DJ Screw von „too much lean in in my cup“. Mit seiner Scratch-and-Screw-Technik nahm er viele Grundlagen heutiger Hustensaft-Jünger vorweg.

Allerdings unterstrich DJ Screw wenige Zeit später sein Zitat von „Too much lean“ auch ziemlich drastisch. Anfang der Nullerjahre starb er an einer Überdosis des Hustensaftwirkstoffs Codein.

Hustensaft, beziehungsweise die DXM und Codein, haben daneben noch eine ganze Reihe unschöner Nebenwirkungen: Atemlähmung – sprich: du kannst ersticken – , Aufmerksamkeitsstörungen und Gehirnschädigungen. Besonders scheiße soll der Entzug sein, denn Codein und DXM sind Opiate und Unterformen von Heroin. Sie machen also ziemlich abhängig.

Andere Drogen sind effektiver

Dennoch habe ich in meinem erweiterten Freundeskreis herumgefragt – wer kokst, schaut schließlich auch nicht so genau auf den Beipackzettel. Doch das Ergebnis ist enttäuschend. Richtig weit verbreitet scheint das vermeintliche Trendgetränk nicht zu sein. Gründe: Andere Drogen seien einfacher zu beschaffen und effektiver. Einer kannte immerhin mal jemanden, der das Zeug genommen hat. Aber ganz genau wusste er das auch nicht mehr.

Auch eine Insiderin der Rap-Szene sagt: „Backstage dominiert immer noch Weed. Hustensaft ist kaum verbreitet.“

Der Freund eines Freundes antwortet auf Facebook halbironisch: „Wir haben uns damals Rentschler reingepfiffen.“ Die Hustenbonbons enthalten auch DMX.

Böse Zungen mögen angesichts all dessen behaupten, dass es sich bei den deutschen Lean-Rappern wohl eher wie beim US-Rapper Future verhält: Der räumte 2015 ein, dass er nur über Hustensaft singe, weil es eben cool sei. Nehmen täte er es nicht. (Moneyboy ist an dieser Stelle natürlich absolut von diesem Verdacht ausgenommen. Dem glauben wir alles!)

Und auf dem Schulhof?

Da ist das Ganze durchaus ein Thema:„Im vergangenem halben Jahr habe ich verstärkt Fragen von Jugendlichen zu Hustensaft bekommen“, sagt Denise Aßhoff von der Jugendsuchtberatungsstelle der Berliner Caritas.

Sie habe jedoch keinen einzelnen Fall gehabt, der nur wegen Hustensaft zu ihr gekommen sei. Das bestätigt auch Jürgen Schlieckau von der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik für abhängigkeitskranke Jugendliche: „Es ist wirklich selten, dass es das gibt. Alle paar Jahre mal gibt es einen Fall. Unser Hauptproblem und die unterschätze Substanz überhaupt ist Alkohol.“

Frank Härtel, Vorsitzender der Kommission Sucht und Drogen der Sächsischen Landesärztekammer, könnte sich aber vorstellen, dass die Verbreitung hierzulande zunimmt: „Denkbar ist ohne weiteres, dass wieder ein neuer Trend von Ersatzbeschaffungen illegaler Drogen im Kommen ist.“

Auch auf Bundesebene wurde 2016 wieder ein extra Ausschuss für Sucht und Drogen der Bundesärzteschaft eingerichtet.

Insgesamt lässt die Bilanz aber hüsteln: Hustensaft als Droge? In Deutschland eher nicht. Oder vor allem als Cloud-Rap-Folklore.

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