„Malen ist eine Droge“: Interview mit der Hamburger Graffiti-Legende Shane

Abo Khan

Rap, Hood, dies' das.
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Seit über 30 Jahren ist Shane in der Hamburger Graffiti-Szene ein Name. Mit uns hat er über seine Jugend im Problemviertel Steilshoop gesprochen – inmitten seiner Gang, den Ghettokings:

NOIZZ: Shane, wer genau sind die „GKs“?

„GK“ stand damals für „Ghettokings“ – von 1989 bis 1999, als sich die Hip-Hop-Szene vermischte und der Gangster-Rap nach Deutschland kam. Im Zuge dessen haben sich Gangs gebildet, die aus Leuten bestanden, die sich vom System ungerecht behandelt fühlten. So wie wir.

NOIZZ: Wie viele Leute gehörten zu den Ghettokings?

In den besten Zeiten um die 150.

Die „Ghettokings“ aus Hamburg-Steilshoop Foto: Noizz.de

NOIZZ: Und wie alt wart ihr damals?

Zwischen 19 und 23. Ein Alter, in dem du Dinge erwachsener betrachtest. Du kommst von der Schule nach Hause, packst deine Sachen in die Ecke. Entweder fängst du an zu zeichnen oder du gehst mit deinen Kollegen raus. Ihr findet eine Wand, sprüht, trefft andere Leidensgenossen. Dann kommen zwei dazu, die gerade was anderes gemacht haben, der dritte hat irgendwo ein Fahrrad geklaut. Du stehst da schnell mit zehn Männern, völlig verschiedener Nation.

NOIZZ: Warum malt man eigentlich Graffitis?

Malen ist eine Droge. Du versuchst, dich weiterzuentwickeln und Sachen zu kreieren, die du vorher nicht kanntest. Das siehst du später erst als Endbild vor dir. Genau das macht einen süchtig.

NOIZZ: Wenn Malen süchtig macht – spielen andere Drogen beim Sprayen auch eine Rolle?

Nein. Das hat soviel miteinander zutun wie ein Fisch mit einem Fahrrad. Zum Sprayen braucht man kein Weed, Koks oder sonst was. Man malt, weil es mit einem durchgeht. Du sitzt bei deinem Frisör, liest eine Zeitschrift und hast zufälligerweise einen Kugelschreiber in der Hand. Wenn Du mit dem Kreuzworträtsel durch bist, erwischst du dich selbst, wie du plötzlich irgendwas kritzelst. Das ist die Droge. Dazu brauchst du nichts anderes.

NOIZZ: Wie viele Wände hast du bis heute gemalt?

Ist die Zahl schon erfunden wurden? Das waren einige. Wir haben viel im Hamburger Stadtteil Steilshoop gemalt, größere Projekte am Center oder auch auf den Dächern der Schule.

NOIZZ: Dächer?

Das war eine Zeit, da haben wir unsere Bilder versteckt. Es gab Konkurrenz zwischen den Stilen. Welcher Buchstabe sieht besser aus, welche Farbe passt besser. Man wollte nicht unbedingt, dass andere Sprayer das sehen und übermalen. Da hat man seine Bilder versteckt und an Orten gemalt, wo nicht jeder hinkommt.

Shane als junger Erwachsener Foto: Noizz.de

NOIZZ: Hast du auch außerhalb von Hamburg gemalt?

Als Jugendlicher bin ich mit einem Ticket der Deutschen Bahn wie Tingeltangel-Bob durch Europa gefahren. In München haben wir gemalt, bei Ulm und Barcelona. Auch in Paris, aber das sah scheiße aus. Wir haben eine Wand am Präsidentenpalast ausgesucht. Ich war mehr mit der Flucht beschäftigt, als mit allem anderen.

NOIZZ: Stört es dich, wenn du eine unbemalte, weiße Wand siehst?

Definitiv! Wenn die noch zwei Meter hoch und zehn Meter lang ist, am besten 20 Meter lang ... traumhaft. Wenn ich die legal sprühen würde – bäm! In acht Stunden wäre das Ding komplett. Da würde ich aber ein, zwei Jungs zur Hilfe holen.

NOIZZ: Wie sind Sprayer untereinander verbunden?

Wenn einer von den Künstlern in Hamburg malen will, dann lässt sich immer jemand finden, der ihn bei sich schlafen lässt. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Heute sind wir ja auch noch älter, da fällt einem das einfacher als früher.

Knapp 150 Mann zählten zur Gang Foto: Noizz.de
"Ghettokingz" - kein ungewöhnlicher Namen an Hamburgs Wänden Foto: Noizz.de

NOIZZ: Wo besorgst du dir deine Dosen?

Heute hauptsächlich übers Internet. Die Läden, wo wir die früher gekauft oder geklaut haben, gibt's nicht mehr.

NOIZZ: Wie oft ziehst du heute noch um die Häuser?

Letztes Jahr haben mich wieder paar Jungs wachgerüttelt. Wir gucken gerade, dass wir Wände freibekommen und im Sommer wieder was starten.

Viele Farben und das Auge fürs Detail zeichnen die Werke der GK aus. Foto: Noizz.de

NOIZZ: Wände frei bekommen? Suchst du dir die aus, auch wenn sie illegal sind?

Im Kopf ja. Das ist das, was man sich vorstellt und gerne machen würde. Aber nein. Ich bin jetzt 46 Jahre alt und habe eine 16-jährige Tochter. Sieht doof aus, wenn ihr Daddy beim Malen in der S-Bahn erwischt wird ...

Shane im Gespräch mit NOIZZ-Reporter Abo Khan Foto: Kay Hetsch / Noizz.de

NOIZZ: Was würdest du sagen, wenn du deine Tochter mal beim Sprayen erwischen solltest?

Sie ist alt genug, sie weiß, was sie tut. Bevor sie erwischt wird und ärger bekommt, würde ich mich dazustellen und aufpassen, dass nichts passiert.

NOIZZ: Bist du selbst schon mal erwischt worden?

Klar. Ich hatte öfter Begegnungen. Zum Beispiel mit meinem kleinen Bruder. Ich wollte ihn retten, weil ich keinen Ärger von meiner Mutter bekommen wollte. Ihm ist die Flucht gelungen, ich hab mich aufgeopfert und wurde verhaftet. Auf der Polizeiwache am Hauptbahnhof habe ich meine Fotos und Skizzen aufgegessen. Ich wollte alle Spuren beseitigen. Hat geklappt. Der eine Polizist hat noch gefragt, ob's geschmeckt hat.

NOIZZ: Musstest du nie Strafen zahlen?

Nee, wegen Grafitti nicht. Da konnte man mir nie ans Knie pinkeln. Es gibt weitaus Schlimmere, die viel größere und systematischere Dinger durchgezogen haben.

Mit diesen Markern malt Shane sein Blackbook voll Foto: Noizz.de

NOIZZ: Was machen die Ghettokings heute?

Alle werden älter, das Ganze ist ja 18 Jahre her. Viele sind in Hamburg-Steilshoop geblieben, so schlimm ist der Ort hier nicht. Das sind tolle Männer geworden, jeder hat auf seine Art was aus sich gemacht. Der eine geht studieren, der andere wird Arzt, der dritte KFZ-Mechaniker, der vierte hat vier Kinder, der fünfte macht Hartz IV ... Aber das ist nun mal die Welt, so funktioniert das.

NOIZZ: Steilshoop ist dein Viertel, oder?

Ja, ich identifiziere mich damit. Ich bin Hamburger, und als Hamburger mag ich mein Viertel. Die Jungs aus Altona mögen ihr Viertel, die Wilhemsburger ihrs und ich meins. Aber als Hamburger sind wir alle eine Familie.

NOIZZ: Hattest Du mit Steilshoop das perfekte Viertel für deine Kunst?

Auf jeden Fall. Die Schule war voll mit Beton. Die Wände sahen damals böse und hässlich aus. Wir haben das in die Hand genommen und sozusagen renoviert.

Quelle: Noizz.de

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