Warum ich mich für 30 Euro aus der Kirche freikaufte

Katja Belousova

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Kein Bock auf Kirchensteuer? Der Austritt aus der Kirche ist recht unkompliziert Foto: Beni Arnold / flickr.com

Kirchensteuer und Sekten-Charme? Nein, danke!

Wenn es um Kirche geht, halte ich es wie der Papst: Wie Franziskus befürworte ich eine arme Kirche für die Armen statt einer reichen Kirche, in der sich Reiche reinwaschen. Weil in Deutschland letzteres der Fall ist, nahm ich 30 Euro in die Hand, um aus der Kirche auszutreten – und keine Kirchensteuer mehr zahlen zu müssen.

Ich sehe es nicht ein, Geld an eine Institution zu zahlen, deren Stellvertreter Protzbauten in Auftrag geben wie in Limburg und mehr Bling-Bling tragen als Hip-Hop-Stars.

Wie kann die reiche deutsche Kirche allen Ernstes Geld durch eine Extrasteuer kassieren? Die Kirche wird auch ohne Kirchensteuer vom Staat unterstützt, zudem gibt es doch Kollekten, Spenden und Erbschaften. Alleine das Erzbistum München besitzt offiziell über sechs Milliarden Euro – auch weil es Geld aus der Kirchensteuer in Immobilien und Wertpapiere investiert.

Meine arme Oma

Kirchensteuer zu zahlen ist genauso unfair, wie Banken mit Steuergeldern zu stützen, die das Vermögen ihrer Kleinanleger verzockt haben. Ich dachte immer, Sozialstaat bedeutet, dass finanziell Schwächere von den Reicheren unterstützt werden – und nicht umgekehrt.

Ich hasse die Kirche nicht, das könnte ich meiner evangelischen Oma nie antun. Als Wolgadeutsche musste sie ihre Kinder in der Sowjetunion noch heimlich taufen. Und bestand später darauf, dass auch die elf Enkel getauft werden. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich mit meiner Oma vor dem Schlafengehen und Essen betete – damals war ich noch klein, und meine Oma hatte noch keinen Alzheimer.

Von wegen Nächstenliebe

Doch im Laufe der Jahre kam die Entfremdung – trotz Konfirmation und 15 Punkten im Reli-Unterricht. Weil das katholische Gymnasium, das ich als Protestantin besuchte, Nächstenliebe predigte, und Kinder aus reichen, alteingesessenen, katholischen Familien bevorzugte. Weil ich geschockt war von den vielen Missbrauchsskandalen. Weil ich nicht fassen konnte, dass die Kirchen nur einen kleinen Bruchteil ihres Geldes an ihre Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie zahlen.

Als ich auf meiner ersten Abrechnung nach dem Studium sah, dass ich tatsächlich Kirchensteuer gezahlt hatte, kam der endgültige Bruch. Neun Prozent der Einkommensteuer sind neun Prozent zu viel! Hätte ich als Baby meine Taufe verhindern können, ich hätte es getan.

30 Euro und schon ist man raus

Selbst im erzkatholischen Italien ist die Kirchensteuer nicht so rigoros wie in Deutschland. Italiener können auf ihrer Steuererklärung angeben, dass die acht Prozent Steuern auf ihr Bruttoeinkommen sozialen Zwecken zugutekommen sollen. Mir blieb nur der Kirchenaustritt.

Der ist in Berlin schnell erledigt. Man muss nur zum zuständigen Amtsgericht gehen, 30 Euro zahlen, kurz einen Wisch unterschreiben und schon ist man frei. 15 Minuten und 30 Euro Aufwand, um mir 25 Jahre Kirche auszutreiben. Müsste man dafür Stunden in Bürgeramt warten, wer weiß, wie viele da noch den Nerv hätten, aus der Kirche auszutreten.

Härtetest Kommunion

Monate später war ich auf einer Kommunion eingeladen, inklusive Kirchenbesuch, Vaterunser, Liedchen über den lieben Gott und herausgeputzten Kindern, die den ganzen Zirkus eigentlich nur wegen der Geschenke mitmachen. Wer kann es ihnen verdenken? Ein paar Monate Kommunionsunterricht für ein neues Fahrrad und viele Geldumschläge? Why not?

Als ich Ungläubige die Kirche betrat, ging ich nicht in Flammen auf. Ich wurde auch nicht vom Erdboden verschlungen, um direkt im Fegefeuer zu landen. Alles war wie immer. Kerzenduft, knochenharte Bänke und Sekten-Charme. Arme Menschen waren weit und breit nicht zu sehen.

Falls ihr auch darüber nachdenkt, aus der Kirche auszutreten: Das müsst ihr in den unterschiedlichen Bundesländern zahlen, um euch freizukaufen

Bundesland Kosten für Kirchenaustritt
Baden-Württemberg zwischen 10 und 60 Euro
Bayern 31 Euro
Berlin 30 Euro
Brandenburg kostenlos
Bremen kostenlos
Hamburg 31 Euro
Hessen 25 Euro
Mecklenburg-Vorpommern 10 Euro
Niedersachsen 25 Euro
Nordrhein-Westfalen 30 Euro
Rheinland-Pfalz 30 Euro
Saarland 32 Euro
Sachsen 26 Euro
Sachsen-Anhalt 30 Euro
Schleswig-Holstein 20 Euro
Thüringen 30 Euro

Quelle: Noizz.de

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