Ahmed, 22: „Als schwuler Flüchtling kann ich mich in Deutschland endlich outen”

Tobias Perlick

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Ahmed ist 22 Jahre alt, vor einem Jahr von Syrien nach Deutschland geflohen, und er ist schwul.

Warum ich das betone? Weil es für sein bisheriges Leben eine große Rolle gespielt hat.

„Ich habe oft daran gedacht zu sterben“, erinnert er sich. Auf den ersten Blick ist Ahmed ein junger und stilsicherer Typ, der Wert auf sein Aussehen legt: angesagter Vollbart, sportliche Figur und modern gekleidet.

Er begrüßt mich höflich in seiner Berliner 1-Zimmer-Wohnung – sie ist sein ganzer Stolz: „Ich habe Glück gehabt. Die Mutter eines Freundes ist die Eigentümerin. Sie hat sie mir vermietet.“ Er hat für uns Tee gekocht. Auf dem Tisch steht eine Dose mit Plätzchen: „Ich liebe deutsche Süßigkeiten.“

Ein langer Weg – den auch Ahmed ging, als er vor etwa einem Jahr nach Deutschland kam. Foto: Bildschirmfoto / Google Maps

Jugend in Damaskus

Aber seine dunkelbraunen Augen werden schnell feucht, als er mir von seiner Jugend erzählt: „Ich habe lange nicht verstanden, warum ich anders bin. Warum kann ich nicht einfach Mädchen lieben?“ Ahmed wuchs mit seinem zwei Jahre älteren Bruder in der Nähe von Damaskus auf. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter Hausfrau.

„Meine Eltern wissen bis heute nicht, dass ich schwul bin, nur mein Bruder.“ Ahmeds Vater würde seine Homosexualität nicht verstehen. „Ich bin meinem Papa nicht böse. Er wurde so erzogen.“ Ahmed glaubt, dass er ihn trotzdem lieben würde. Der Syrer hat vielmehr Angst, dass seine Familie ausgegrenzt werden könnte: „Wenn die Nachbarn oder Patienten meines Vaters gewusst hätten, dass ich auf Männer stehe, hätte niemand mehr mit ihnen geredet.“

Ahmed erzählt mir, dass es in Syrien keine Homosexuellen gibt – zumindest offiziell. Denn homosexuelle Handlungen sind in Ahmeds Heimat illegal – und damit gesellschaftlich tabuisiert. Das syrische Strafgesetzbuch sieht Haftstrafen von bis zu drei Jahren vor. „Der Druck auf Homosexuelle ist extrem hoch. Ich wusste lange nicht, wem ich mich anvertrauen kann.“

Damaskus von oben, ein Anblick den Ahmed vermisst, genauso wie seine Familie. Foto: upyernoz / flickr.com, cc2.0

Eine verbotene Liebe

Aber vor drei Jahren verliebte sich Ahmed in Karim. Seine Augen strahlen: „Ich habe meinen Freund über meine Cousine kennengelernt. Es war ein Versteckspiel und wir hätten jederzeit auffliegen können.“

Aber diese Liebe hat Ahmed Kraft gegeben. „Ich wollte mir lange Zeit das Leben nehmen. Dank Karim hatte ich wieder Lebensmut.“ Er wollte kein Leben mit einer Frau und Kindern führen. Alles zum Schein, so wie es andere Schwule in seiner Heimat tun.

Neben den Taten des sogenannten Islamischen Staats (IS) war vor allem sein Freund der Grund für die Flucht. Karim  flüchtete im Herbst 2015. Seine Familie zahlte ihm die riskante Flucht über das Mittelmeer. Ob Karim jemals in Italien angekommen ist, weiß Ahmed nicht. Wir müssen das Gespräch unterbrechen. „Ich habe Tage und Wochen auf eine Nachricht von ihm gewartet. Aber es kam nichts. Bis heute nicht.“

Eine neue Welt

Karims Handy ist seit seiner Abreise nicht mehr erreichbar. Trotzdem wollte Ahmed seinen Freund nicht aufgeben und glaubte an ein Wiedersehen. Der Syrer trat seine Flucht über die Türkei an, quer durch Europa und kam schließlich in München an. „Es war eine Reise ins Ungewisse. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass ich Karim finde.“ Der hatte Ahmed immer von Deutschland erzählt. Dort könne man offen schwul sein – ohne Angst.

Endlich offen schwul leben und lieben: für Ahmed eine neue Erfahrung. Foto: Levi Saunders / Unsplash.com CC0

Für Ahmed war das unvorstellbar. Denn auch in den Flüchtlingsunterkünften war Schwulsein ein Tabuthema. Noch schlimmer: „Es wurden Witze über Gays gemacht. Die schwulen Deutschen sind doch keine Männer.“ Für Ahmed eine herbe Enttäuschung: „Ich fühlte mich wieder allein und hatte Angst, dass Karim nicht überlebt hat. Ich hätte mich fast wieder aufgegeben.“

Doch Ahmed lernte eifrig Deutsch, knüpfte Kontakte und fand Freunde. Über Würzburg ging es für ihn in die Hauptstadt: „Ich bin jetzt seit drei Monaten in Berlin. Für mich die beste Stadt der Welt. Hier darf man sein, wie man ist.“

Seine Betreuer-Familie ist mit einem schwulen Pärchen befreundet: „Sie haben mir gezeigt, wo sich die Community in Berlin trifft.“ Die erste Gay-Party war für Ahmed ein Schockerlebnis: „Auch wenn ich schwul bin, musste ich mich daran gewöhnen, dass Männer mit Männern tanzen, Frauen andere Frauen küssen und das alles öffentlich.“

Doch beim zweiten Besuch war Ahmed mutig. „Ich habe mitgetanzt, sogar geflirtet. Ich mag blonde Männer.“, erzählt er mir und zwinkert mich an.

Aber es bleibt die Ungewissheit ...

Nur ein Thema belastet den jungen Flüchtling bis heute: „Ich will mich nicht damit abfinden, dass Karim tot ist. Irgendwann werden wir uns finden.“ Ahmed muss wieder unterbrechen und verschwindet im Bad.

Er setzt sich wieder zu mir und schenkt Tee nach. Der 22-Jährige lächelt mich an. Aber seine Augen sind gerötet – er hat geweint. „Ich habe so viel Grausames in Syrien gesehen und davon gehört. Ich bete jeden Tag für meine Familie.“

Manchmal habe er ein schlechtes Gewissen, dass er sie zurückgelassen hat. „Aber ich weiß, dass sie mir alles Glück der Welt gönnen. Ich trage sie und Karim in meinem Herzen.“

Der Syrer vermisst seine Familie, aber die Offenheit der Deutschen möchte er nie wieder missen. Ahmed hat große Pläne. Er möchte studieren – Medizin, wie sein Vater. Für den Syrer steht fest, dass er ein zweites Leben geschenkt bekommen hat: „Das hier ist mein neues Ich. In Deutschland darf ich endlich schwul sein.“

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